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Wir sind 6 Millionen

26. Januar, 2008 von Sören Meschede · 18 Leserbriefe

Barcelona ist hipper. Sevilla schöner und Málaga liegt zumindest am Meer. Von alledem ist und hat Spaniens Hauptstadt nichts. Madrid ist wahrlich nicht schön – sobald man aus dem Prachtstraßenviertel im innersten Zentrum heraus ist, dominieren Zweckbauten in zweifelhafter Klinkeroptik. Madrid ist übervoll – wo auch immer man hingeht, 100 andere sind schon da. Madrid ist laut – das morgendliche Hupkonzert ersetzt problemlos jeden Wecker. Und Madrid ist verpestet – gerade erst gab die für Umwelt zuständige Stadträtin Ana Botella einen Bolletin heraus, in dem sie dringend davon abrät, dieser Tage Sport im Freien zu machen.

Nicht schön aber braun


Aber: Madrid ist nicht von ungefähr ziemlich genau der geographische Mittelpunkt der Halbinsel. Alles, das politische, soziale und wirtschaftliche (nicht so ganz das kulturelle) Leben Spaniens dreht sich um diese 600 Quadratkilometer Stadt. Ob man das im Baskenland und in Katalunien nun will oder nicht: In Madrid wird das gekocht, was anderswo gegessen wird. Und deswegen strömt alles was sich irgendwie einen Namen oder auch nur ein wenig Geld machen will, hier her. Um irgendwann beladen mit Gold und Ruhm nach Hause in die Provinz oder in das Heimatland zurückzukehren – oder zu bleiben. Inzwischen sind wir sechs Millionen.
Ein Freund der zur Zeit in Kairo wohnt, hat mich vor kurzem hier besucht. Für ihn war Madrid ein einziges Paradies. So ruhig, so angenehm und entspannt wie hier, so wünsche er sich Kairo, meinte er. Geschenkt. Kairo ist sicherlich noch um ein Vielfaches unfreundlicher als Madrid. Aber ich bleibe dabei: Seit bald zwei Jahren wohne ich jetzt hier. So lange habe ich in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr an einem Ort gewohnt. Und nie ist es mir so schwer gefallen mich einzuleben wie in dieser Stadt. „Madrid es una jungla“ – „Madrid ist ein Dschungel“, sagen alle, die hier schon länger wohnen oder gewohnt haben. Und sie haben Recht.
Aber ein Dschungel ist gar nicht mal so schlecht, wenn man sich erst einmal ein paar Schneisen hineingeschlagen kann, würde Crocodile Dundee sagen, und Recht hat auch er. Ist das Chaos erst einmal verinnerlicht und die von allen Seiten einprasselnde Information verarbeitet, zeigt sich: Nicht schön, aber interessant ist es hier. Alles ist im Wandel. Galizische Kellerlokale gibt es immer weniger. Und auch Nächte in lustigen Clubs durchzumachen wird zunehmend schwieriger. Aber Madrid hat inzwischen die authentischsten chinesischen Restaurants, die ich in Europa gesehen habe. Und in Madrid halten sich anderswo schon längst ausgestorbene Berufe. Und Madrids Märkte sind unglaublich. Und Madrid hat sich das größte Straßentunnelsystem in Europa zugelegt und die höchsten Wolkenkratzer. Und riesige Parks. Und in Madrids Umland warten 2000er auf Besteigung und Seen zum Besegeln. Und Madrid hat in seiner Kulturmeile Paseo del Prado die wohl höchste Dichte international bedeutender Museen in ganz Europa. Und Madrid hat Real und Athletico. Und… Madrid hat eine ganze Menge und noch mehr… .

Tags: Madrid

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