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Entegrasyon – Integration auf Türkisch

11. Februar, 2008 von Dorte Huneke · Keine Leserbriefe

Mit Städten wie Berlin, Köln und Frankfurt hat Istanbul eines gemeinsam: ein Großteil der Bewohner sind Zuwanderer aus anatolischen Dörfern, die seit den 60er Jahren zum Arbeiten in die Stadt gekommen sind. Über die ländliche Heimat der Zugewanderten wissen die meisten Großstadt-Türken ebenso wenig wie der durchschnittliche Deutsche über die Türkei. Ein gutes Drittel der türkischen Bewohner Istanbuls ist nie weiter ins eigene Land vorgedrungen als bis zur offiziellen Hauptstadt Ankara – von Bodrum, Antalya und anderen touristischen Schauplätzen einmal abgesehen – und lebt mit der Vorstellung, dass weite Teile des Landes entweder langweilig sind oder Gefahrenzonen darstellen.

Die übrigen zwei Drittel der Bewohner Istanbuls kennen den türkischen Nord- und Südosten sowie alles, was dazwischen liegt, weil ein Teil ihrer Verwandten trotz aller urbanen Verheißungen im Dorf geblieben sind. „Ich wusste gar nicht, was das ist – Touristen“, sagt Mehmet, 27, der mit 16 Jahren zum ersten Mal aus dem anatolischen Diyarbakır in die Metropole kam und heute in einem Restaurant in der historischen Altstadt Sultanahmet arbeitet. „Dann habe ich verstanden: es sind Leute wie wir, die fremd in der Stadt sind.“

Am Bosporus führen die Spuren des gesamten Landes zusammen – but never the twine shall meet. Geschäfte und Ehen werden in der Türkei lieber unter Gleichgesinnten geschlossen und das Thema Integration ist auch in Istanbul ein leidiges. Traditionelle, stark religiös geprägte Stadtteile wie Fatih, Fener oder Balat stellen Parallelwelten dar zu modernen Gegenden wie Taksim, Beyoğlu oder Nişantaşı. Istanbul ist eine Metropole wie London, New York und Paris mit schätzungsweise 15 Millionen Einwohnern und etwa ebenso vielen Facetten. Im Laufe der Jahrzehnte haben die Zuwanderer neue Baustile und ganze Stadtteile entstehen lassen, wobei die Häuser derjenigen, die in den 1950er Jahren in großer Zahl gegangen sind oder vertrieben wurden – Armenier, Griechen – leer stehen und verfallen. Immense Shopping-Malls haben ebenso viel Zulauf wie die unzähligen Moscheen der Stadt. Der Business-Distrikt Maslak schmückt sich aufgrund seiner hochaufragenden Bürotürme mit dem Spitznamen „Maslahattan“. In anderen Vierteln fehlen bis heute, wie auf anatolischen Dörfern, die Bürgersteige. Im angesagtesten Club der Stadt kostet ein Stehtischplatz inklusive Wodkaflasche umgerechnet etwa 290 Euro. Das entspricht in etwa dem geltenden Mindestlohn. In den traditionellen Vierteln der Stadt prägen die religiös Betuchten das Stadtbild und die Restaurants drehen die Musik leiser, wenn der Ruf des Muezzin durch die Straßen schallt. „Die Religion ist ein normaler Teil des Lebens“, sagt Zeynep, 23, die an der İstanbul Universität studiert. Ihr Kopftuch musste sie bisher abnehmen, sobald sie den Campus betrat. Vor wenigen Tagen entschied das türkische Parlament jedoch, dass Studentinnen in der Türkei mit Kopftuch studieren dürfen. Was den Kleidungsstil angeht, gehen die Meinungen am Bosporus auseinander. Nur wenige Schritte von der İstanbul Universität entfernt beginnt das Laleli-Viertel, das seit Anfang der neunziger Jahre fest in der Hand russischer Textil- und Lederhändler ist. Hier tragen die Frauen kurze Röcke, hohe Schuhe, weite Ausschnitte und im Winter Pelz. „Ich liebe Mode“, sagt Swetlana, 30, blond, schön, vor fünf Jahren aus Russland in die Stadt gekommen und mit einem Türken verheiratet. „Bei uns gab es eine Zeitlang keine Stoffe. Wir haben da, glaube ich, etwas nachzuholen.“ In Istanbul leben außerdem schätzungsweise 8.000 Deutsche (in der gesamten Türkei 20.000) und schlagen sich mehr oder weniger erfolgreich mit der türkischen Sprache herum.

Einen Integrationsminister gibt es in der Türkei nicht, dafür aber vehement verfochtene Meinungen zum Thema Integration in Deutschland: Die Zuwanderungsregelungen, insbesondere die kürzlich verschärften, gelten gemeinhin als rassistisch und anti-türkisch. Davon abgesehen hat die türkische Community in Deutschland einen denkbar schlechten Ruf (als Proleten, Neureiche, Kurden). Entsprechende Ressentiments werden unverhohlen geäußert. Deutschtürken (dritte Generation), die in immer größerer Zahl nach Istanbul kommen, um ihr Türkisch aufzubessern, haben mit heftigen Vorwürfen zu kämpften (warum hast Du Deine Muttersprache verraten?). Die aktuellen Integrationsbemühungen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, türkische Schulen und Universitäten in Deutschland aufzubauen, weil Migranten zuerst ihre Muttersprache beherrschen müssten, gehen in die gleiche Richtung – und bleiben unverständlich, so lange im Osten der Türkei mehrere Bürgermeister wiederholt vor Gericht gestellt werden, weil sie amtliche Mitteilungen oder Kinderbücher auf Kurdisch publizieren.

Tags: Istanbul

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