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Wie frei ist frei?

18. Februar, 2008 von Kai Schwind · 26 Leserbriefe

Das Recht auf Meinungsfreiheit im Zentrum einer Ausstellung im Friedensnobelpreis Center in Oslo.

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„Norwegen ist bekannt für wenige Dinge: für Skifahren, Öl, Fisch und den Friedensnobelpreis“, behauptet Kirsti Svenning, Pressesprecherin des Friedensnobelpreis Centers in Oslo. Das Informationszentrum, eröffnet 2005 und idyllisch am Hafen gelegen, hat sich zum Ziel gesetzt, das Leben und Werk der Nobelpreisträger, die jedes Jahr, schräg gegenüber im Rathaus, ausgezeichnet werden, zu würdigen. Im Herzstück, dem Preisträger Feld, kann man sich in einem atmosphärisch gestalteten Multimedia Display einen Überblick über jeden einzelnen Friedensstifter verschaffen.

„Obwohl wir in erster Linie den Preisträgern huldigen, wollen wir uns aber auch in aktuelle Diskussionen rund um das Thema Friedens- und Konfliktforschung einmischen“ erläutert Svenning. Das ist gut so, denn somit verhindert das Zentrum, ein oberflächlicher Nachlassverwalter vergangener Erfolge zu werden. Im Erdgeschoss sorgen in regelmäßigen Abständen, aktuelle Ausstellungen für Wirbel. Letztes Jahr war es eine eindrucksvolle Dokumentensammlung zum Thema „Kindersoldaten“ und seit einigen Monaten geht es um das Thema „Meinungsfreiheit“.

Bente Erichsen, Direktorin des Zentrums, erklärt: „In vielen Teilen der Welt ist das Recht auf freie Meinungsäußerung bedroht. Die Begrenzungen für das was gesagt, geschrieben oder gezeigt werden darf, variieren von Land zu Land und Gesellschaft zu Gesellschaft. Weltweit werden Menschen im Kampf für freie Meinungsäußerung ermordet. Wie fragen deshalb: Wie frei ist frei?“ In der eindrucksvollen Ausstellung präsentiert der Friedensnobelpreis Center einzelne Personen, die in der Geschichte der freien Meinungsäußerung eine besondere Rolle gespielt haben. Untergliedert in unterschiedliche Bereiche wie Literatur, Film, Musik oder „Körper als Ausdrucksmittel“ trifft man hier auch unerwartete Persönlichkeiten: Eminem, Paul McCartney und sogar Richard Wagner wurden alle bereits zensiert. An einem Multimedia Display kann man sich die zensierten Werke anhören und die Begründungen erfahren.

Martin Luther King, Oscar Wilde, Marquis de Sade, Charlie Chaplin und sogar Jesus heißen die anderen berühmten Beispiele, die für ihre öffentlich geäußerte Meinung Probleme bekamen.

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Die Ausstellung soll provozieren und das gelingt ihr vor allem in den zeitgenössischen Sektionen. In einem (abgeschotteten) Kino laufen in Dauerschleife Ausschnitte aus dem umstrittenen Film „Submission“. Der holländische Filmemacher Theo van Gogh wurde für seine Darstellung nackter und geschundener Frauenkörper, die mit Versen aus dem Koran beschrieben sind, von einem Fanatiker ermordet. Andere Clips beleuchten die rassistischen Tiraden des US-Komikers Michael Richards (besser bekannt als Kramer von Seinfeld), der in einem Comedy Club während einer Performance das Wort „Nigger“ über die Maßen gebrauchte und das Publikum gegen sich aufbrachte.

Dagegen wirkt das Madonna Video zu „Justify my love“, welches MTV in den 90er Jahren ebenfalls zensiert hatte, fast harmlos.

Die Bandbreite der Ausstellung streift die Themen Religion, Politik, Kunst und Kommunikation und ist eindeutig international angelegt – die Portraits von Carl von Ossietzky bis zur ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja begleiten den Besucher durch die Räume. Am beeindruckendsten sind jedoch fast die norwegischen Beiträge zur Debatte um die Meinungsfreiheit. Der Komiker Otto Jespersen zündet 2003, auf dem Höhepunkt der Diskussion um den Irak Krieg, vor laufender Kamera eine Amerikanische Flagge an und provoziert damit einen Eklat, der den amerikanischen Botschafter auf den Plan ruft.

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Richtig zur Sache geht es außerdem auf dem Kvart Musik Festival im südnorwegischen Kristiansand im Sommer 2004. Während des Konzerts der Punkrock Band „The Cumshots“ zieht sich ein Paar nackt aus und kopuliert dann für zehn Minuten vor tausenden Zuschauern auf der Bühne. Die beiden sind Umweltaktivisten und nennen ihre Aktion „Fucking for Forrest“. Alle Beteiligten bekommen eine Geldstrafe. Die Aktionen zeigen, dass man auch eine liberale Gesellschaft wie die Norwegische provozieren kann.

Ein Bildschirm am Ausgang der Ausstellung informiert in nüchternem Ton über aktuelle Ereignisse. Dänische Zeitungen haben sich aus Solidarität mit einem Cartoonisten der Morddrohungen erhielt, dazu entschlossen, die Mohammed Karikaturen zu drucken. Der Kampf ist nicht vorbei…

Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Mai 2008 im Friedensnobelpreis Center in Oslo zu sehen.

Tags: Oslo

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