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Der Bürgermeister wird geklont

27. Februar, 2008 von Sören Meschede · 19 Leserbriefe

Alcalde (dt. Bürgermeister) hat Kämpfe auf Leben und Tod überlebt. Alcalde ist Herr eines Harems, das jeden Scheich vor Neid erblassen würde. 20 seiner Söhne starben einen ruhmreichen Tod auf dem Schlachtfeld. Alcalde hat auch Töchter, doch von ihnen weiß man wenig. Über hundert Nachfahren hat Alcalde in den letzten Jahren gezeugt.

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Doch die guten Zeiten von Alcalde sind langsam vorbei. Irgendwann wird auch der beste Zuchtstier einmal alt. Alcalde war einmal gut gebaut, agressiv und potent. Jetzt hat er 16 Jahre auf dem Buckel und will nicht mehr so recht auf seine Kühe springen.
Victoriano del Río, der Züchter, will auf sein bestes Stück aber nicht so einfach verzichten. Schließlich haben die Söhne von Alcalde in den besten Arenen des Landes versucht, die Toreros aufzuspießen und sind grandios gescheitert, so wie es sich für einen Stier gehört. Und will Alcalde nicht mehr so richtig besamen, gibt es keine wilden Söhne mehr und auch keinen Ruhm und kein Geld für den Züchter Victoriano.
Vor ein paar Jahren hätte Victoriano erst gejammert und dann versucht, dem alten Stier so viel Sperma wie möglich abzuzapfen und mit Hilfe gezielter Zucht einen neuen Stammhalter zu erzeugen, noch schöner, nobler, aggressiver und potenter als Alcalde: Ein „Presidente“, vielleicht.
Heute jedoch ist Victoriano den Verlockungen der Technik erlegen. Alcalde soll geklont werden, genauso wie Dolly, damals. Die amerikanische Firma Viagen fliegt im März ein Stückchen Haut des Stieres in die Staaten. Dort wird eine dieser Zellen in ein von ihrem Kern befreites amerikanisches Kuh-Ei eingepflanzt. Und wenn alles gut geht, soll 2009 ein neuer Alcalde, ein Alcalde 2.0 gewissermaßen, auf den Wiesen von Guadalix de la Sierra bei Madrid grasen.
„Glück gibt es nicht. Deshalb setzen wir auf die Forschung“, meint Victoriano und ist bereit, dafür mehr als 30.000 Euro springen zu lassen. Ihm ist egal, dass nur rund 40 Prozent der Gene tatsächlich auch den Charakter bestimmen. Ebenso, dass auch die amerikanische Kuh-Eizelle und die amerikanische Leihkuh, die Alcalde 2.0 austragen wird, einen gewissen Einfluss auf das Endresultat haben. Alcalde 2.0, hätte also nicht nur spanische Gene im Körper, sondern auch ein gerüttelt Maß amerikanisches Rindvieh.
Das gibt Anlass zur Hoffnung. Denn amerikanische Stiere sind deutlich lethargischer als ihre spanischen Kollegen. Das hat Walt Disney schon 1938 in „Ferdinand The Bull“ nachgewiesen. Es wäre ein schönes Bild, und sicher der Anfang vom Ende des Stierkampfs, wenn die 30.000 Euro-Investition von Züchter Victoriano lieber unter einem Baum sitzt und Blumen schnuppert, statt ruhmreich in der Arena herumzurennen.

Tags: Madrid

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