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Auf Wiedersehen, Kollen!

10. März, 2008 von Kai Schwind · 11 Leserbriefe

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Zum letzten Mal gibt es Skispringen auf dem berühmten Holmenkollen. Oslos Wahrzeichen wird abgerissen.

Wir sitzen in der T-Bahn Nummer 1, Richtung Frognerseteren und fahren in gemächlichem Tempo die Hänge hinauf zu Oslos berühmtestem Hügel: dem Holmenkollen. Heute ist ein besonderer Tag, denn auf der ältesten Sprungschanze der Welt findet zum letzten Mal die Skisprung Weltmeisterschaft statt. Danach wird die Schanze abgerissen und - modernisiert und komplett verändert - hoffentlich rechtzeitig zu den Weltmeisterschaften 2011 wieder aufgebaut. Die Osloer lieben ihren Kollen und pilgern schon seit 1892 regelmäßig hier hoch, um Springern aus aller Welt bei dieser aberwitzigsten aller Wintersportarten zu zuschauen.

Heute ist irgendwie ein historischer Tag, denn eine Ära geht zu Ende. Ein alter Mann in der T-Bahn hört meinem Gespräch mit meiner Begleitung zu und lehnt sich herüber: „Als ich klein war, hat mich mein Vater zu den Sprüngen am Kollen mitgenommen und ich habe das Gleiche mit meinen Kindern und meinen Enkeln gemacht. Die neue Schanze wird nicht dasselbe sein“.

Da hat er Recht. Die Vorschläge namhafter Architekturbüros, die bereits letztes Jahr in Norwegens Zeitungen veröffentlicht wurden, waren teilweise sehr abenteuerlich. Jetzt soll auf dem Sprungturm ein Panorama-Restaurant thronen, die Anlage wird der neuen Sprungtechnik angepasst und kostet über 60 Millionen Euro.

Meine erste Begegnung mit dem Holmenkollen war im Sommer. Die Anlage hat dann etwas trauriges, wirkt etwas überflüssig und dort wo sonst die Springer landen, dümpelt ein braun-grünlicher See. Wer die letzten Stufen im steilen Sprungturm heraufsteigt, hört schon das Rattern und Klappern der Balustrade im Wind und wenn man dann am Absprung Punkt steht, erscheint es unglaublich, dass sich hier tatsächlich freiwillig Menschen in die Tiefe stürzen. An den Wänden der Aussichtsplattform haben sich Menschen aus aller Herren Länder verewigt. „Flavio was here. It was great“. Recht hat Flavio, denn die Aussicht, die man vom höchsten Punkt über die Nordmarka Wälder und das gesamte Stadtgebiet von Oslo bis weit in den Fjord hat, ist wirklich atemberaubend und macht die Schanze auch für die Athleten zu einem einmaligen Ort. Helene Reinertsen vom Skimuseum Holmenkollen, das am Fuße der Schanze zeigt, dass auch schon vor über tausend Jahren auf Brettern durch den Schnee geschrammelt sind, erinnert sich noch an den Tag, an dem sie Mitten in einem Gewittersturm oben im Sprungturm war und nicht mehr rechtzeitig runter kam. „Um uns herum zuckten die Blitze und es war ein riesen Lärm, aber ich wusste, es passiert mir nichts. Der Kollen hält einiges aus“

Jeder in Oslo scheint eine persönliche Beziehung zum Holmenkollen zu haben. Von den Abiturienten, die hier jedes Jahr im Mai in der Nähe ihre rauschenden Feste feiern, bis hin zum Fernsehkomiker Harald Rønneberg, der 2005 ohne Vorbereitung den Absprung wagte.

Der Holmenkollen ist vielleicht kein besonders schönes Wahrzeichen, aber er hat Charisma. Hoch thront er über Norwegens Hauptstadt und ist deshalb von fast überall sichtbar. Schon oft habe ich, spät in der Nacht, auf dem Heimweg aus der Stadt - nüchtern oder nicht - auf die im Dunkeln beleuchtete Schanze geschaut und immer den Weg nach Hause gefunden. Sein Anblick war irgendwie beruhigend. Demnächst gehen die Lichter aus und Oslo wird für ein paar Jahre ohne seinen berühmten Fixpunkt am Berghang auskommen müssen. Das fällt nicht leicht. Als die T-Bahn an der Station ankommt und die Türen zischend aufgehen, sagt der alte Mann zu mir: „Ich hoffe, du hast einen Fotoapparat dabei!“. Auf Wiedersehen, Kollen!

Tags: Oslo

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