Nach dem Einkauf von Roberto Carlos und konstantem Werben um Cristiano Ronaldo hat der türkische Meister und Champions-League-Viertelfinalist Fenerbahçe Istanbul sich nun Halil Altintop vom Bundesligisten FC Schalke 04 vorgenommen (mit den Gelsenkirchnern hat der 25-Jährige allerdings noch einen Vertrag bis 2010).

Mit wem kriegt Halil es zu tun, wenn er herkommt? Eine Istanbuler Fanologie.
Die Fangemeinde von Fenerbahçe trägt blau-gelb und gehört mehrheitlich zur oberen türkischen Mittelschicht: erfolgreiche Arbeitnehmer und Unternehmer, die regelmäßig zu ihrem Tempel auf der asiatischen Seite pilgern. Fenerbahçe (wörtlich übersetzt: Leuchtturmgarten) hat allerdings auch gute Beziehungen nach oben, insgesamt das meiste Geld und die größte Fangemeinde in der Türkei. Die Leuchtturmgärtner beziehungsweise die „gelben Kanarienvögel“, wie sie genannt werden, schmücken sich mit dem unschlagbaren Ruhmesblatt, Lieblingsteam des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk gewesen zu sein und schwören auf dessen Ideale (Republikanismus, Modernismus, Säkularismus), die Mitglieder sind Bürger der „Republik Fenerbahçe“.
Heute sagt man dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan allerdings nach, sich gelegentlich für seine Lieblingsfußballmannschaft stark zu machen, wohingegen Staatspräsident Abdullah Gül zu Beşiktaş hält. Fenerbahçe kommt aus Kadıköy, was auf der asiatischen Seite liegt, wohingegen die beiden anderen Großen – Beşiktaş („Schwarze Adler“) und Galatasaray („Löwen“) – ihre Stadien auf der europäischen Seite haben.
Türkische Teams außerhalb Istanbuls zählen nicht als ernsthafte Gegner. Als Beşiktaş am Sonntag 3:0 gegen Trabzonspor gewann und ein vollgestopfter Linienbus im Gedränge der ausströmenden Fangemeinde vorm Stadion hängen blieb, war am Verhalten oder den Gesichtern der Fans jedenfalls nicht abzulesen, ob sie gewonnen oder verloren hatten. Wird nun aus Freude oder Ärger am Bus gewackelt?
Vielleicht ist das eine Mentalitätsfrage: Fenerbahçe-Fans diskutieren in der Regel heftig bis zum Ende und regen sich noch lange nach Spielende über jeden Spielzug auf, auch wenn sie gewinnen, was meist der Fall ist. Galatasaray-Fans haben öfter Grund zum Schmollen und zeigen ansonsten wenig Reaktion; bei Beşiktaş ist das offenbar ähnlich, obwohl sie als die treuesten Fans gelten.
Galatasaray-Fans repräsentieren die türkische Bourgeoisie - und ist andererseits stark kurdisch geprägt.. ‚Saray’ heißt auf Türkisch ‚Palast’. Die Gründer des Vereins kamen vom angesehenen französischsprachigen Galatasaray Lycee, wo die Herzen und Geldbörsen bis heute für die Gelb-Roten offen sind. Seit Ende letzten Jahres baut das Stuttgarter Architekturbüro asp in Seyrantepe, nördlich der Istanbuler Innenstadt, ein neues Stadion.
Beşiktaş wird von den weniger wohlhabenden, aber grundanständigen Teilen der Gesellschaft unterstützt. Sie sind schwarz-weiß, geben sich konsumkritisch (wenig Werbung), äußern sich zu gesellschaftlichen Themen (gegen Atomkraft, gegen Rassismus, gegen Krieg, gegen die Ermordung Hrant Dinks und manchmal für Fidel Castro) und lieben provokante Auftritte.
Wenn sie nicht gerade selbst Opfer sind. Wie damals, als Fenerbahçe-Fans, die wegen früherer Rangeleien vorübergehend nicht zum Beşiktaş-Stadion zugelassen waren, im Beşiktaş-Trikot zum Spiel ihrer Mannschaft im verbotenen Stadion erschienen; nach Anpfiff zogen die Fans dann in konzertierter Aktion ihre T-Shirts aus, unter denen sie republiktreu ein blau-gelbes Fenerbahçe-Trikot trugen. Seitdem werden am Eingang zum Beşiktaş-Stadion vor jedem Fenerbahçe-Spiel die T-Shirts der Fans gelüpft. Weniger geschmackvoll war die Idee der ‚gelben Kanarienvögel’ im Galatasaray-Stadion in Pappbecher zu pullern und diese dann auf die gelb-roten ‚Löwen’ auszukippen.
Erste Reaktionen aus der blau-gelben türkischen Fan-Republik jedenfalls: Wir wollen Altintop!
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