
Es hat ja am Anfang immer auch was von Party: laute Musik auf den Straßen, gutgelaunte Menschen, die erwartungsvoll in eine Richtung strömen. Sonnenschein.
Der Ärger ist allerdings vorprogrammiert. Angekündigte Demonstrationen am zentralen Taksim-Platz wurden mal wieder verboten. Der Istanbuler Gouverneur Muammer Güler hat kurzerhand verkündet, wer dennoch komme, werde von starken Einheiten aufgehalten (schätzungsweise 30.000 Köpfe stark). Die Zahl der Demonstranten prognostizierten türkische Medien großzügig: 500.000 würden auf die Straßen gehen. Seit gestern Abend wurde der Taksim-Platz weiträumig abgesperrt. Seit heute Vormittag fahren weder Busse, Bahnen noch Schiffe.
Statt zum Taksim-Platz sind die Demonstranten etwas weiter nördlich gezogen, auf den protesterprobten Halaskargazi Boulevard, in unser Viertel Şişli, Nişantaşı. Seit heute früh kreisen Hubschrauber über meinem Dach, Pfiffe und Sprechgesänge übertönen den (hier ohnehin nur sehr leise zu vernehmenden) Muezzin-Ruf. Die Ladenbesitzer stehen und sitzen vor statt in ihren Geschäften. Erwartungsvoll. Polizistenscharen säumen die großen Straßen. Ruhe vor dem Sturm. Einige tragen Schutzmasken um den Hals, die sie im Tränengasfall vors Gesicht ziehen werden. Zwischen den Feiernden sitzt ein Mann am Bordsteinrand und reibt sich die Augen. Hat es denn schon Tränengas gegeben? Nein, nein! Da war ihm nur eine Mücke in die Augen geflogen.
Da hat er aber Glück gehabt, denn eine Straßenecke weiter gaben sich Steine und Tränengas ein Stelldichein. Eine Stunde später sitzen die Polizisten leicht gelangweilt am Straßenrand und trinken zur Abkühlung Wasser aus kleinen Plastikflaschen.
Offiziell ist der 1. Mai kein Feiertag in der Türkei. Aber kaum jemand arbeitet am internationalen Tag der Arbeit und Solidarität. Vor elf Jahren wurden bei den 1. Mai-Demonstrationen in Istanbul 35 Menschen getötet und 127 Demonstranten verletzt. Um die Arbeiter-Rechte ist es schlecht bestellt in diesem Land. Aber darum geht es heute nicht nur. Stadtvertreter begründen ihre harten Eingriffen damit, dass sie Warnungen vor terroristischen Angriffen erhalten hätten.
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