Shalom aus Tel Aviv, Israels heißer Metropole am östlichen Mittelmeer, die sich zum Yom Hazma’ut, dem sechzigsten Jahrestag der Staatsgründung, ganz in den Landesfarben Blau und Weiß gekleidet hat.

Und das, obwohl der Himmel hier sowieso immer blau ist und fast alle Häuser schmutzig-weiß strahlen. Doch jetzt ist Tel Aviv ein Fahnenmeer. Schlimmer noch als Deutschland während der Fußball-WM. An jedem Haus prangt der Davidstern, jedes Auto fährt die Flagge spazieren. Nur die ganz Linken und die ganz Religiösen verschließen sich dem landesweiten patriotischen Taumel. Die einen, weil sie nicht einverstanden sind mit Israels Politik gegenüber den Palästinensern. Die anderen, weil für sie ohnehin nur ihr Glaube zählt und Eretz Israel, das biblische Land. Dass sie ohne den Staat Israel nicht hier leben könnten, ignorieren sie geflissentlich. Natürlich feiern auch die Palästinenser nicht mit, weder die in der Westbank und im Gazastreifen, noch die mit israelischem Pass, die nach der Staatsgründung 1948 im Land geblieben sind. Sie nennen den Unabhängigkeitstag „al Nakba“, die Katastrophe, und warten auf ihre eigene Unabhängigkeit. Jeden Tag zweifelnder.

Tel Aviv begeht Israels sechzigsten Geburtstag auf dem hässlichen Rabin-Platz im Herzen der Stadt, vor dem noch hässlicheren Rathaus. Alles ist friedlich an diesem Abend, vielleicht auch, weil die Israelis so gut wie gar keinen Alkohol trinken. Ihre Lust zu singen und zu tanzen bleibt davon allerdings unbeeindruckt. Da werden selbst die kitschigsten jüdischen Volkslieder leidenschaftlich mitgeschmettert, bilden sich auf offener Straße immer neue Tanzformationen, während sich etwas abseits aufgekratzte Kinder mit riesigen blau-weißen Gummihämmern duellieren und gegenseitig mit Schaum einseifen. Dann, als es völlig dunkel ist, das Feuerwerk. Funken sprühen, der Himmel erstrahlt in den buntesten Farben, Böller explodieren mit lautem Knall. Doch heute zuckt niemand zusammen. Laser projizieren die Köpfe Israels auf die Rathausfassade. Ben Gurion. Moshe Dayan. Menachem Begin. Golda Meir. Dazu die Symbole des jüdischen Staates, der Davidstern und die Menora, der siebenarmige Leuchter, und: die Friedenstaube. Denn nach Frieden sehnen sich in Israel alle. Als am Ende Ha’Tikva ertönt, die melancholische Nationalhymne, lässt das auch die coolen jungen Soldaten in ihren olivefarbenen Uniformen, die Arm in Arm am Rande des Platzes stehen, nicht kalt.

Nach durchfeierter Nacht steigt am nächsten Mittag eine große Militär-Demonstration am Strand von Tel Aviv. Auch das darf in Israel nicht fehlen, wenngleich der Aufmarsch zwischen all den Familien mit Kindern auf ihren Picknick-Decken nur bedingt martialisch wirkt. Eher wie ein Volksfest. Vor der Küste kreuzen Kriegsschiffe, darunter auch U-Boote deutscher Bauart, und feuern Leuchtraketen ab. Schwere Kampfhubschauber winden sich durch die Luft, bleiben dann minutenlang fast regungslos am Himmel stehen, um Taucher an einem Seil ins Meer hinabzulassen. Das Publikum am Strand beklatscht jedes gelungene Manöver begeistert. Ein Phantom-Fighter rast unter ohrenbetäubendem Lärm heran und fliegt kopfüber zwischen den Hoteltürmen hindurch. Looping! Plötzlich schießt das Flugzeug wie eine Rakete senkrecht in den Himmel, so hoch, dass es schon nach wenigen Sekunden mit bloßem Auge kaum mehr zu sehen ist. Dann kommen die Fallschirmjäger, sind auf einmal da, wie aus dem Nichts. Lautlos drehen sie ihre Runden und landen Minuten später nacheinander zielsicher am Strand. Doch einer verfehlt den anvisierten Landeplatz und stürzt in die Menge. Neun Verletzte, zwei davon schwer! Irgendwas passiert immer bei solchen Flugshows.

Den Zeitungen ist der Unfall am nächsten Morgen gerade mal ein paar Zeilen wert. Es gibt Wichtigeres in diesen Tagen. Gegen Premierminister Olmert wird mal wieder wegen Korruptionsverdachts ermittelt. Und nächste Woche kommt Bush nach Jerusalem. Israel wird es überleben. Wie schon die letzten sechzig Jahre.
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