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Neulich im Rosenhausgarten

23. Mai, 2008 von Dorte Huneke · 30 Leserbriefe

Da sitzt man ganz züchtig an einem der ersten Sonnentage mit Jeans und T-Shirt und zwei Freundinnen im Park bei Wasser und Keksen … und ganz plötzlich kann es passieren, dass man eine Schrecksekunde lang splitterfasernackt in aller Öffentlichkeit ist.

„Entschuldigung, Sie sind da etwas offen!“, erklärte eine von hinten an mich herantretende junge Muslima. Offen? Ist meine Hose geplatzt? Hat man mir das T-Shirt aufgeschlitzt?

Nein, die junge Trenchcoat-Türban-Dame zeigt nur verschämt auf ein Stück Haut, das sich zwischen Jeansbund und T-Shirt-Saum als mein Rücken zu erkennen gibt. „Ja, wo sind wir denn!?!?“, werden wir in dem Moment beide gleichzeitig gedacht haben.

Wir waren im Gülhane- (Rosenhaus-) Park in Sultanahmet. Da geht es zugegebenermaßen etwas konservativer zu als in meinem Viertel, wo ich selbst im kurzen Rock eher zu den prüde gekleideten Frauen gehöre – weil ich einfach nicht laufen kann auf den 10-cm-Stöckeln und für den Hauch von Designerkleid nicht das Geld habe. Soviel zu den Parallelwelten der Istanbuler Elite.

Dass ich neulich von einer bekopftuchten Dame im Jeep beinahe überfahren worden wäre, weil sie bei Ampelausfall und gestautem Verkehr einfach mal aufs Gaspedal trat, hat mein tolerantes Verhältnis gegenüber Kopftüchern nicht beeinträchtigt. Ehre schwöre. Das Bild bleibt trotzdem im Kopf, weil es passend ist. Weil die reichen Betuchten in der Türkei spürbar häufiger und energischer auftreten. Wenn ein junges Mädchen im Park Sittenwacht spielt, ist das bestimmt kein Grund zur Panik. Es ist nur manchmal ein verdammt gutes Gefühl, kein 12-jähriges türkisches Mädchen in streng konservativen Kreisen zu sein.

Tags: Istanbul

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