Raus aus Tel Aviv. Raus aus der lärmenden Stadt, die einem tagsüber keine Ruhe lässt und nachts schon gar nicht. Aber muss es deshalb gleich das andere Extrem sein?

Unser Ziel liegt im Süden Israels, nicht weit von der ägyptischen Grenze: Succah ba’Mitbar, ein Öko-Camp mitten in der flimmernden Negev-Wüste. Vollkommene Stille hat mir ein Freund aus der Stadt versprochen, dazu den schönsten Sternenhimmel, den man sich denken könne. Nur die Menschen, die dort unten lebten, die seien ein bisschen wunderlich.
Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir Mitzpe Ramon, die Wüstenstadt, halten uns westlich, biegen kurze Zeit später von der asphaltierten Straße auf eine Dirt Road ab, jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer. Und endlich taucht das Camp vor uns auf, eine Oase im kargen Gestein. Zunächst die Farm, Gemüsebeete, ein paar Pferde, Esel, Ziegen, Hühner. Dazu fünf riesenhafte Wachhunde, so groß wie Kälber, die das Anwesen und seine Bewohner vor ungebetenen Gästen schützen. Im Negev gibt es sogar noch Leoparden! Hinter der Farm die Gemeinschaftshütte; hier werden wir in den kommenden zwei Tagen vegetarisch verköstigt. Beim Check-in fallen uns gerahmte Fotos an der Wand auf: Succah ba’Mitbar weiß verschleiert. Kann das wirklich sein, fragen wir uns, dass es in solch einer heißen Gegend im Winter schneit? „Und ob “, klärt uns unser Gastgeber auf, der so heißt wie das Land, Israel, „aber zum Glück nur alle paar Jahre mal.“

Auf den Hügeln rund um die Farm liegen die mit Palmblättern verkleideten Gästehütten, in Sichtweite zueinander zwar, aber doch so weit vom jeweils nächsten Nachbarn entfernt, dass Einsamkeit aufkommt. Bis auf eine gestresste Tel Aviver Familie mit hyperaktivem Kind sind wir ohnehin die einzigen Gäste. Jede Hütte hat eine Solarzelle auf dem Dach, generiert ihre eigene Elektrizität, die über eine Autobatterie nach drinnen fließt und dort eine schwachbrüstige Birne zum Glühen bringt. Viel Komfort ist nicht: nur ein einfaches Bett, eine große Karaffe mit Wasser samt Waschschüssel, ein Gasherd zum Kaffeekochen. An Decke und Wänden hängt allerlei spiritueller Nippes. Und die Toilette? „Die ist da oben“, sagt unser Gastgeber und zeigt auf eine Hütte auf dem gegenüberliegenden Hügel, etwa 300 Meter Luftlinie entfernt. „Von dort hat man einen tollen Ausblick.“
Kurz nach Sonnenuntergang kündigt ein Gong, der durchs ganze Camp hallt, das Abendessen an. Als wir satt sind, ist es schon dunkel und wir borgen uns eine Öllampe, um den steinigen Weg zurück zur Hütte zu finden. Dort angekommen, schwant uns, dass aus dem erhofften Sternenhimmel wohl nichts wird – der Vollmond scheint einfach zu hell. Aber die Stille allein tut auch gut und streichelt unsere Großstädter-Nerven. Zum Glück haben wir Pulli und Jeans dabei, denn die Luft kühlt nun empfindlich ab und der Wind pfeift in unseren Ohren. Zeit, die Flasche Scotch auszupacken; viel mehr als sitzen, schweigen und trinken kann man in Succah ba’Mitbar nachts nicht. Vor dem Zubettgehen entdecken wir, dass sich jemand in unsere Hütte geschlichen hat: Eine Eidechse klebt mit ihren sternförmigen Plattfüßen regungslos an der Wand und starrt ins Leere. Wir beschließen, ihr für die kalte Nacht Unterschlupf zu gewähren. Als Gegenleistung soll sie uns stechendes Ungeziefer vom Hals halten.

Am nächsten Morgen weckt uns die Hitze. Unser geschuppter Mitbewohner hat sich natürlich längst verzogen, doch der Plan ist aufgegangen: keine neuen Mückenstiche. Katzenwäsche, und schon ruft der Gong zum Frühstück. Die gestresste Familie aus der Nachbarhütte wirkt heute tatsächlich schon weniger gestresst, nur ihr Kind turnt immer noch hyperaktiv zwischen den Wachkälbern umher. Vielleicht wird sich das morgen auch gelegt haben. Uns hingegen reicht die Erfahrung Wüste. So erholsam Einsamkeit und Stille auch sein mögen, für uns Großstädter sind sie eben doch nur in Maßen zu ertragen. Schneller, als man glaubt, kitzelt es wieder in der Nase, lockt erneut das süße Nachtleben. Wir wollen zurück nach Tel Aviv. Zurück in die lärmende Stadt.
PS: Der Ausblick vom Plumpsklo war übrigens wirklich einmalig.
1 Leserbrief bisher. ↓
1 Eva // Jun 10, 2008 at 18:21
Schön!
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