„Oh Gott“, sagte eine Studentin im Foyer der Juridischen Fakultät der Uni Salzburg. Von draußen tönte lauter Gesang der Schweden-Fans in die altehrwürdigen Hallen. „Ich find’s lustig“, antwortete ihre Freundin und lachte. „Endlich ist mal was los in Salzburg.“
In Salzburg ist wirklich etwas los, seit am Samstagnachmittag feierlich die EURO-2008-Fanmeile eröffnet wurde. Daran konnte auch das Versagen der Österreicher im Spiel gegen Kroatien am Sonntag nichts ändern. Mit dem Misserfolg wird zwar gehadert, aber das Leben – und vor allem die EM – geht weiter. Ebenso wie die Dauerparty in der Mozartstadt.
Bei Kaiserwetter hatten die Schweden-Fans die Altstadt vorgestern, Dienstag, ganz in ihrer Hand. Auf dem Spielplan stand das Match Schweden gegen Griechenland im Stadion Wals-Siezenheim. Gelbe Fußballtrikots, blau-gelbe Kleider, als Schlümpfe verkleidete Schweden und blaue und/oder gelbe Crocks waren die dominierenden Kleidungsstücke. Kleine Griechenland-Fanfraktionen gingen in ihren blau-weißen Trikots und den weniger ausgefallenen Kostümen fast unter. Salzburg trug am Dienstag eindeutig Gelb – und das leuchtete heller als die Sonne über der Mozartstadt.
Schon mittags war die Innenstadt in der Hand der Fußballfans. Es wurde gesungen, geklatscht, getrunken und getanzt. Unterschiedlichste Musik aus zahlreichen Boxen sorgte für einen dröhnenden Tonbrei, der alles einhüllte. Er war nur für Sekundenbruchteile nicht zu hören, wenn Sirenen und Tröten den akustischen Teppich zerrissen. Touristen, die normalerweise das Stadtbild prägen, waren in der Unterzahl. Die beliebten Salzburger Fiaker, die sonst auf dem Residenzplatz auf Passagiere warten, mussten einer der riesigen Leinwände des Public-Viewing-Bereichs weichen. Es herrschte eine fröhliche, energiegeladene Stimmung, wie bei einem ausgelassenen Sommerfest nach einem harten Winter und einem nassen Frühling. Von Aggression zwischen den Fans der verschiedenen Fraktionen war nicht einmal ein Hauch zu spüren. Es gab keine Schlägereien wie in Klagenfurt zwischen Deutschen und Polen, bei denen neben 180 ausländischen Fans auch ein Österreicher verhaftet wurde.
Gegen 15 Uhr übertönten laut zu Hymnen gewordene Lieder von ABBA jedes Gespräch, jede Vorlesung in den Universitätsfakultäten jedes Geschehen in der Stadt, das Leben der Menschen in der Salzburger Altstadt. Um 18 Uhr zogen 8000 Schweden beim so genannten Schwedenmarsch laut „Sverige! Sverige!“ skandierend zum Salzburger Fußballstadion. 20.000 Fans genossen die Spielübertragungen und die fröhliche Atmosphäre auf dem Kapitel- und dem Residenzplatz. 20.000 Halbe Bier wurden allein an diesem Tag nur in der Fanzone ausgeschenkt. Dem offiziellen UEFA-Fanshop gingen die Schweden-Fanshirts aus.
Auch die Österreicher bekannten Flagge, entweder mit „Wir sind Cordoba“- und anderen Österreich-Leibchen oder mit Solidaritätsbekundungen für das schwedische und das griechische Team. Einige trugen sogar schwedische Fankleidung, schwenkten aber die griechische Fahne. Manche Österreicher bemalten ihre Gesichter mit den schwedischen oder griechischen Nationalfarben, zeichneten aber auf ihren nackten Oberkörper – es waren durchwegs Männer – die österreichische Fahne über ihr Herz. Auch einige Deutsche und Spanier bekundeten ihr Fantum für die eigene Mannschaft. Der schwedische Möbelproduzent IKEA wurde zum Synonym des skandinavischen Lands. Einige Schweden-Fans trugen aus IKEA-Säcken gefertigte Röcke und T-Shirts, auch Fahrräder in den IKEA-Farben und mit IKEA-Logo waren zu sehen. Nicht einmal vor ihren Finger- und Fußnägeln machten die skandinavischen Gäste halt: Auf ihnen prangte häufig die schwedische Flagge – bei Männern ebenso wie bei Frauen.

Das eher langweilige Match zwischen Griechenland und Schweden konnte die Stimmung fast gar nicht trüben. Zwar wurde für kurze Zeit der Gesang weniger enthusiastisch, aber ab dem ersten Tor war die kurzfristig gesunkene Stimmung wieder auf dem Siedepunkt. Nach dem Fußballspiel umarmten sich Griechenland- und Schwedenfans und feierten bis tief in die Nacht friedlich. Lange Schlangen bildeten sich vor allem vor den Kebab- und Würstelständen der Stadt. Vielen ging das Essen aus.
Die Schweden- und die Griechenland-Fans haben in Salzburg einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Sie machten die EURO 2008 zu einem besonderen Fußballfest und werden, wie viele Salzburger bekundeten, gerne als Gäste wieder gesehen. Sowohl Wirte, Polizisten, andere Fans und die kritischen Salzburger sind vor allem von den friedlichen Schweden begeistert, die für eine einmalige Stimmung sorgten – und für Bierengpässe in den Supermärkten. Am Sonntag können die Griechen ihre Feierfestigkeit und ihre Art, für ausgelassene Stimmung zu sorgen, beweisen: Es wird nämlich für das Match Griechenland gegen Russland ein Ansturm der Fans in Blau-Weiß erwartet.
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