Ein kleiner Fisch schwimmt friedlich durch den Ozean. Plötzlich bemerkt er hinter sich einen Hai, der auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit ist, und flieht, so schnell er kann. Doch der Hai ist schneller.

Da hält der kleine Fisch inne und sagt: „Warum willst du mich verschlingen. Wir können doch miteinander spielen.“ Der Hai überlegt kurz, dann willigt er ein, und die beiden ungleichen Meeresbewohner schließen Freundschaft – trotz aller Vorurteile und gegen ihre Natur.
Das Kinderbuch „Als der Hai und der Fisch sich zum ersten Mal trafen“ rührt derzeit die Menschen in ganz Israel zu Tränen. Nicht nur, weil ihnen die naive Geschichte Hoffnung gibt für ihr eigenes Land, ihren eigenen Konflikt. Der emotionale Aspekt an der Erzählung ist vielmehr ihr Autor selbst: Gilad Schalit, Hauptgefreiter der israelischen Streitkräfte, vor fast zwei Jahren von den Qassam-Brigaden der Hamas in den Gazastreifen verschleppt und seitdem dort gefangen gehalten.
Gilad Schalit ist heute 21, die Geschichte vom kleinen Fisch und dem Hai schrieb er mit 11 in der Schule. Seine Eltern haben sie nun veröffentlicht, damit der Fall ihres Sohnes nicht in Vergessenheit gerät. Bekannte israelische Künstler illustrierten das Buch, die Zeichnungen wurden zudem in einer Galerie in Nahariya – Schalits Geburtsstadt – ausgestellt. Seitdem ist das Kinderbuch in Israel zum wahren Bestseller geworden, sämtliche Einnahmen fließen in die Öffentlichkeits-Kampagne zur Unterstützung des Soldaten und seiner Familie.

Der Tag von Gilads Entführung jährt sich in dieser Woche zum zweiten Mal. Viel Hoffnung, dass er bald frei sein wird, gibt es derweil nicht. Zwar beinhalteten die Verhandlungen zwischen Israel und Hamas über eine Feuerpause im Gazastreifen, die inzwischen in Kraft getreten ist, zuletzt auch den Fall Schalit. Allerdings lehnt Premierminister Ehud Olmert den Preis, den Hamas für dessen Freilassung fordert, bislang als zu hoch ab: 450 palästinensische Gefangene sollen im Gegenzug in die Westbank und den Gazastreifen zurückkehren dürfen, darunter viele, die, wie Israel es ausdrückt, „Blut an den Händen“ haben, sprich: direkt an der Planung und Ausführung von Terrorattentaten beteiligt waren. Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet hat sich deshalb bereits gegen den Tauschhandel ausgesprochen.
Wie sich Olmert letztlich auch entscheiden wird, gewinnen kann er im Fall Gilad Schalit ohnehin nichts. Weist er das Hamas-Angebot zurück, so muss sich der Premier den Vorwurf gefallen lassen, mit einem der obersten Grundsätze des Staates zu brechen: Kein verwundeter oder gefallener Soldat wird je auf feindlichem Territorium zurückgelassen! Gilads Vater Noam Schalit beschuldigt Olmert nach langem Stillhalten inzwischen öffentlich, sich nicht entschieden genug für die Freilassung seines Sohnes zu engagieren.
Geht Olmert hingegen auf den Deal ein, so verprellt er die Opfer früherer Terroranschläge bzw. deren Hinterbliebene und gefährdet zudem die Sicherheit des Staates: Was, wenn die Gefangenen nach ihrer Rückkehr den bewaffneten Kampf wieder aufnehmen?

Am Wochenende sagte Noam Schalit der Tageszeitung Haaretz, er fürchte, sein Sohn könne ein zweiter Ron Arad werden. Der israelische Flugzeug-Navigator war 1986 über dem Libanon abgestürzt und vermutlich von der schiitischen Miliz Amal gefangen genommen worden. Anfangs tauchten noch Briefe und Fotos von Arad aus der Gefangenschaft auf, doch jegliche Verhandlungen über seine Freilassung scheiterten. Mittlerweile gibt es schon seit Jahren kein Lebenszeichen mehr, der Soldat gilt als tot.
Israelische Medien veröffentlichten Anfang der Woche den letzten Brief von Gilad Schalit an seine Eltern, den diese kürzlich über Umwege erhielten. Darin berichtet der 21-Jährige von seinem schlechten Gesundheitszustand und schweren Depressionen. Er schreibt, er träume vom Tag seiner Freilassung und hoffe, dass dieser nahe sei.
Wie nahe, das entscheidet allein die Politik.
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