Vom sündigen Tel Aviv ins heilige Jerusalem. Auf der Landkarte liegen zwischen beiden Städten nur siebzig Kilometer. Gefühlt sind es hingegen Welten.

Denn in Israels Hauptstadt bestimmen zunehmend die religiösen Hardliner, die Ultraorthodoxen in ihren schwarzen Mänteln und Hüten, wo’s langgeht. Darunter leiden – natürlich – auch die Schwulen und Lesben der Stadt, die ihre Gefühle inmitten der Jahrtausende alten Mauern alles andere als offen ausleben können. Deshalb zeigten sie gestern beim „Jerusalem March for Pride and Tolerance“ einmal mehr Regenbogenflagge.
Viel nackte Haut gab es trotz 35 Grad im Schatten allerdings nicht zu sehen. Auch die etwa in Deutschland üblichen schrillen Kostüme fehlten fast komplett – die Veranstalter hatten im Vorfeld um moderate Kleidung gebeten, um die Gegner der Parade nicht zusätzlich zu provozieren. 2.000 teils schwer bewaffnete Polizisten sorgten am Streckenrand für die Sicherheit der circa 3.000 Teilnehmer. Das Viertel, durch das der Demonstrationszug lief, war zudem weiträumig abgesperrt worden, Ultraorthodoxe erhielten keinen Zutritt. Das Konzept ging auf, die Veranstaltung verlief bis auf kleinere Zwischenfälle friedlich. Im letzten Jahr hatte die Polizei kurz vor Beginn der Parade einen ultraorthodoxen Juden verhaftet, der eine selbst gebastelte Bombe bei sich trug.

Im Religiösen-Viertel Mea Sherarim versammelten sich unterdessen Hardliner zu einer Gegendemonstration. Auf Plakaten forderten sie: “Don’t sodomize Jerusalem!” Noch Anfang der Woche hatten Homo-Gegner aus dem rechten politischen Lager – unterstützt vom ultraorthodoxen Bürgermeister Uri Lupolianski – versucht, die diesjährige Demonstration zu verhindern. Argument: Sie verletze die Gefühle der Öffentlichkeit. Doch der Oberste Gerichtshof schmetterte den Verbotsantrag ab.
Ohnehin ist Israel in seiner Homo-Gesetzgebung eines der liberalsten Länder der Welt: Schwule und Lesben sind in weiten Teil der Gesellschaft und selbst in der Armee akzeptiert. Zwar gibt es keine Homo-Ehe, weil in Israel ausschließlich religiös geheiratet werden darf. Allerdings erkennt der Staat gleichgeschlechtliche Ehen an, die im Ausland geschlossen wurden. Seit Kurzem dürfen Homo-Paare sogar Kinder adoptieren.







Keine Leserbriefe bisher. ↓
Keine Leserbriefe... Mach den Anfang!
Schreibe einen Leserbrief.