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Was isst man in…? Santiago (Teil 1)

4. August, 2008 von Benjamin Loy · Keine Leserbriefe

Once - ein Wort, das in der spanischsprachigen Welt sowohl die Zahl elf, ein Stadtviertel von Buenos Aires, aber auch die Nationale Blindenorganisation Spaniens bezeichnen kann. In Chile dagegen denkt man dabei in erster Linie ans Essen und ein im ganzen Land mit Hingabe praktiziertes Ritual.once.JPG

Chile ist in jeder Hinsicht ein heterogenes Land. Doch wenn es ein nationales Ritual gibt, das sich tagtäglich in fast jedem Haushalt auf den 4200 Kilometern zwischen Arica und Punta Arenas wiederholt, dann ist es once. Traditionell bezeichnet der Begriff in Chile eine Art Nachmittagssnack, der vielleicht am ehesten mit dem englischen Afternoon-Tea zu vergleichen ist. Gegessen und getrunken wird meist zwischen 16 und 20 Uhr, wobei sich dieser Zeitrahmen grade in den Städten auch mal in den späteren Abend verlagert, wenn alle Familienmitglieder von der Arbeit oder Schule nach Hause kommen.
Faszinierend ist dabei, dass sich die gereichten Speisen und Getränke der Once fast überall im Land ähneln. Wichtigster Bestandteil dabei ist das Brot, das immer frisch gekauft wird. Brot nach deutschen Maßstäben, also im knusprigen Laib, findet man kaum, es dominieren in Chile die beiden Sorten Marraqueta und Hallulla, die man bei uns vielleicht eher als Brötchen bezeichnen würde. Während Marraqueta in Sachen Geschmack sehr dem französischen Baguette ähnelt, wird das entweder runde oder viereckige, aber immer flache Hallulla fast ausschließlich in Chile und Bolivien gegessen.

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Zum Brot gibt es fast überall Käse und Wurst, wobei grade das Wurstangebot in Chile sich in den meisten Haushalten fast immer auf Schinken beschränkt. Nicht fehlen darf bei der once die palta, zerdrückte Avocados mit etwas Salz und Öl- schließlich hat Chile nach Mexiko den größten Avocado-Verbrauch der Welt. Fällt die once etwas üppiger aus, gibt es meistens auch empanadas, Teigtaschen, die entweder mit Hackfleisch und Zwiebeln (de pino), Käse (queso) oder mit Schinken, Käse und Oregano (napolitana) gefüllt werden. Oder auch etwas Süßes in Form von pasteles, zum Beispiel milhojas, die den französischen Millefeu ähneln, oder Kuchen, der in Chile dank der zahlreichen deutschen Einwanderer genauso heißt.

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Die chilenische Vorliebe für Tee hatte schon Nationaldichter Pablo Neruda in seinen Jahren als Konsul im Ausland in Erklärungsnot gebracht, als man ihm nicht abnehmen wollte, dass die Massen an Tee, die die Chilenen jährlich importieren, tatsächlich für den eigenen Gebrauch bestimmt seien. Tatsächlich wird der meist schwarze tecito zu fast jeder Tageszeit getrunken, wobei die meisten Chilenen auf die Zubereitung im altmodischen Teekessel schwören, da moderne Wasserkocher angeblich den Geschmack verfälschen. Selbstredend dass bei so viel Traditionsliebe der Tee immer frisch zubereitet wird und fertige Beutel verpöhnt sind.

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Über die Herkunft des Wortes once streiten sich übrigens die Gelehrten. Während die Real Academia Española, die Hüterin der spanischen Sprache, schlicht auf die Uhrzeit 11 Uhr verweist, behaupten andere, der Begriff sei eine wörtliche Übersetzung des englischen elevenses, eine Art Snack am späten Morgen, was angesichts der nicht geringen Zahl an englischen Einwanderern auch plausibel klingt.
Die allerdings mit Abstand schönste etymologische Definition ist zweifellos die in Chile oft kursierende Version von den Salpeterarbeitern im 19. Jahrhundert. Diese hätten nämlich zu ihrer Zwischenmahlzeit gerne einen Schnaps, einen aguardiente getrunken. Da Alkoholkonsum aber verboten war, hätten sie stattdessen entsprechend der Buchstabenzahl des spanischen Wortes once, also elf gesagt.

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Tags: Santiago de Chile

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