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Glück im Sonderangebot

13. August, 2008 von Benjamin Loy · 1 Leserbrief

Am vergangenen Sonntag war es wieder soweit: In Chile wurde der día del niño, der Kindertag gefeiert. Was irgendwann von der UN einmal als Zeichen für Kinderrechte ausgerufen wurde, ist hierzulande mittlerweile zu einem abschreckenden Beispiel von Konsumterror und Materialismus verkommen.

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In den Fünfziger Jahren rief die UN-Vollversammlung Staaten in aller Welt dazu auf, neben dem Weltkindertag am 20. November einmal jährlich einen nationalen Kindertag im Zeichen der Kinderrechte einzurichten. Mittlerweile gibt es ihn in über 145 Ländern der Welt. Während er allerdings in Deutschland (20. September) wohl den wenigsten bekannt ist, wird in Chile und Südamerika allgemein der día del niño jährlich in großem Stil begangen. Das hehre Ziel seiner Erfinder allerdings spielt hier keine Rolle mehr. Vielmehr steht der Tag ganz im Zeichen der Geschenke, für die Spielzeughersteller ist der August nach dem Weihnachtsmonat Dezember der umsatzstärkste Monat des Jahres.

Grundsätzlich ist es im Wunderland des Kapitalismus natürlich jedem selbst überlassen, wie er seinen Kindertag feiert. Doch wenn man verfolgt, mit welchen Mitteln Firmen und Werbeindustrie in Chile Kinder für ihre Zwecke missbrauchen, kann man sich einer kritischen Betrachtung kaum erwehren.
Das große Warmlaufen für den Kindertag beginnt dabei schon Wochen vorher, wenn das Fernsehen mit seinem Werbebombardement „ohne Skrupel die Kinder zu einem einzigen Zweck benutzt: möglichst viel Geld zu verdienen“, wie die Journalistin María Andonie in einem Beitrag für die chilenische Tageszeitung La Nación schreibt. Da rasen die vor Freude jauchzenden Kinder auf ihren neuen Fahrrädern durchs Bild, wird strahlend der neueste Roboter präsentiert und das alles mit Botschaften garniert, die wie ein perfider Appell an alle Eltern gerichtet sind: „Komm, kaufe und mach’ die glücklich, die wir am meisten lieben!“

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Glück bedeuten in dieser „Marktdiktatur“, wie es Andonie ausdrückt, natürlich materielle Geschenke oder zumindest ein Besuch im nächsten Burgertempel am großen Festtag. Und der Ruf wird erhört:Schon Tage vorher sieht man Eltern durch die riesigen Shopping-Malls amerikanischer Prägung ziehen, bepackt mit Tüten voller Geschenken für die lieben Kleinen, schließlich will man kein Rabenvater oder eine schlechte Mutter sein. Ob sich viele Familien das in einem Land, dessen Mindestlohn bei rund 200 Euro liegt, auch leisten können, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Schließlich lässt sich in Chile absolut alles von der Unterhose bis zur Pizza in cuotas, also in Raten abbezahlen, die hoffentlich pünktlich bis zum Weihnachtsfest wieder verschwunden sind, wenn das Konsumkarussel in die nächste Runde geht.
Ob in einem Land, in dem laut UNICEF-Zahlen mehr als 200 000 Kinder zwischen fünf und 17 Jahren arbeiten müssen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen und deshalb nicht mehr zu Schule gehen, nicht eher die Bedeutung immaterieller Werte gefördert werden müsste, steht dabei kaum zur Debatte. Ob in einem Land, in dem laut Zahlen des Familienministeriums 73,6 Prozent aller Jugendlichen angeben, schon einmal körperliche oder seelische Gewalt in ihrem Elternhaus erfahren zu haben, der Begriff Glück nicht anders als in Form eines neuen Roboters oder einer Tüte Fritten zu definieren wäre, wird ebenso wenig diskutiert. Und dass die Firmen mit ihren fragwürdigen Werbeexzessen dabei nicht nur die Gewissen der Eltern unter Schuldbeschuss nehmen, sondern ebenso „die Reinheit und Unschuld der Kleinsten verstümmeln“, wie Andonie kritisiert, weckt bei den meisten auch nur ein Schulterzucken.
Wozu auch aufregen? Es wird ja niemand zur Teilnahme am großen Kaufrausch in der ach so freien Marktwirtschaft gezwungen, die sich mit einem Kinderlächeln zum dia del niño mit ihrem schönsten und zugleich gefährlichsten Gesicht präsentiert.

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Tags: Santiago de Chile

1 Leserbrief bisher. ↓

  • 1 Andrea Lambert // Aug 29, 2008 at 17:53

    Hallo Ben,
    deine Beiträge sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr interessant und spannend. Weiter so.
    Liebe Grüße Andrea

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