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Ein Bart spaltet Jerusalem

10. November, 2008 von Daniel Schwitzer · Keine Leserbriefe

Religiöse gegen Säkulare, so lautet die politische Konstellation vor der Bürgermeisterwahl in Israels zerrissener Hauptstadt. Wer gewinnt, ist völlig offen.

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Am Ende wollte sie nur noch weg aus Jerusalem. Noa Stern sitzt im Wohnzimmer ihrer Eltern in der Nähe von Kfar Saba, packt Umzugskisten aus und erzählt. „Die Stadt hat mir einfach keine Luft mehr zum Atmen gelassen“, sagt sie, „all die Religiösen, die großen und kleinen Konflikte, die ewigen Kompromisse.“ Ein Platz für junge Leute sei Jerusalem jedenfalls schon lange nicht mehr. „Es gibt kaum noch Nachtleben, am Schabbat ist sowieso alles geschlossen. Man kann nicht einmal mehr die Klamotten anziehen, die man will, ohne Gefahr zu laufen, irgendjemandes Gefühle zu verletzen.“ Fünf Jahre lang studierte Noa an der Hebräischen Universität, erst Soziologie, dann Business Management. Nach dem Examen entschied sie sich, die Koffer zu packen. Auch aus Angst um ihre berufliche Zukunft, denn im chronisch strukturschwachen Jerusalem gibt es für Akademiker fast keine Stellen. Alles spielt sich in und um Tel Aviv ab, Israels prosperierendem Wirtschaftszentrum am Mittelmeer. Dorthin will nun auch Noa nach kurzem Zwischenstopp bei ihren Eltern möglichst schnell. Einen Job als Investment-Beraterin bei einer großen Bank hat sie schon in Aussicht. Tel Aviv bedeutet für die 27-Jährige Freiheit pur: „Niemand macht dir Vorschriften. Jeder lebt sein Leben, wie es ihm in den Kram passt.“

Vor den Ultraorthodoxen kapituliert

So wie Noa Stern kehren heute jährlich fast dreitausend junge weltliche Israelis zwischen 20 und 35 der Hauptstadt den Rücken, weil sie entweder nach dem Studium keinen Job finden oder aber vor dem stetig wachsenden Einfluss der Ultraorthodoxen kapitulieren. Diese ganz in Schwarz gekleideten religiösen Hardliner mit ihren großen Hüten, langen Bärten und Schläfenlocken machen inzwischen rund ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Jerusalems aus und drücken der Stadt zunehmend ihren konservativen Stempel auf. Vorläufiger Höhepunkt: 2003 wurde mit Uri Lupolianski erstmals ein „Schwarzer“ auf den Chefsessel des Rathauses gewählt. Und der setzte während seiner Amtszeit nicht etwa auf Ausgleich zwischen den Kulturen, sondern tat alles, um den religiösen Charakter der Stadt noch zu stärken – sehr zum Leidwesen der säkularen Jerusalemer. Die wollen Lupolianski nun bei der Kommunalwahl am 11. November einen Denkzettel für seine einseitige Politik verpassen.

So wandelte der Bürgermeister zum Beispiel eine Vielzahl weltlicher Kindergärten und Schulen in orthodoxe Einrichtungen um und vergraulte damit säkulare Bewohner aus bis dahin gemischten Stadtteilen. In einigen dieser Viertel stellen die streng Religiösen inzwischen sogar die klare Mehrheit.
Lupolianski beschränkte die öffentlichen Ausgaben für Kunst und Kultur auf ein Minimum und investierte zudem lieber in religiöse als in weltliche Events. Die alljährliche Schwulen- und Lesbenparade versuchte der 57-jährige zwölffache Familienvater wiederholt verbieten zu lassen. Erfolglos. Und als im Frühjahr das neue Jerusalemer Wahrzeichen, eine futuristische Brücke am Stadteingang, mit großem Tamtam eingeweiht wurde, untersagte er einer Tanzgruppe nach der Generalprobe kurzerhand den Auftritt. Grund: Die Kostüme der jungen Frauen seien zu gewagt und könnten die Gefühle der Gläubigen verletzen. Letztlich mussten die Tänzerinnen in langen, sackähnlichen Gewändern auf die Bühne gehen, ihr Haar vollständig unter großen Kapuzen versteckt.

Junge fordern: Aufwachen, Jerusalem!

Zu den interkulturellen gesellen sich wirtschaftliche Probleme: Jerusalem ist heute mit 730.000 Einwohnern nicht nur die größte, sondern auch die ärmste Stadt Israels. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt weit unter Landesdurchschnitt, ebenso die Arbeitslosenquote. Gleichzeitig werden die Mieten immer teurer, weil vermögende Juden aus Frankreich und den USA die Preise in die Höhe treiben. Sozialen Wohnungsbau gibt es nicht, stattdessen entstehen immer neue Luxus-Objekte in bester Lage mit Altstadt-Blick.

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„Es muss sich jetzt ganz schnell etwas ändern“, sagt Schachar Fischer und zieht tief an seiner Zigarette. Fischer, 25, ist ein waschechter Jerusalemer und der letzte aus seiner Familie, den es noch in der Stadt hält. Vor zehn Monaten hat er gemeinsam mit anderen die Bewegung „Waking up in Jerusalem“ gegründet. „Anstatt unsere Koffer zu packen und nach Tel Aviv abzuwandern, wollten wir lieber etwas gegen den Niedergang unternehmen.“ Die Bewegung wurde zum Selbstläufer, mehr als 700 junge Israelis arbeiten inzwischen ehrenamtlich mit. Bei der Kommunalwahl am 11. November kandidiert „Waking up in Jerusalem“ mit einer eigenen Liste für den Stadtrat und wirbt insbesondere um die Stimmen der Schüler, Studenten und Wehrdienstleistenden – insgesamt rund 60.000 potenzielle Wähler, wie Fischer ausgerechnet hat. „Wenn die am Ende auch alle an die Urnen gehen, stehen unsere Chancen ziemlich gut.“
Derzeit mischt „Waking up in Jerusalem“ mit öffentlichkeitswirksamen Events und viel Kreativität geschickt den müden Wahlkampf auf. Im Stadtrat würde sich die Liste besonders für neue Jobs und bezahlbare Wohnungen einsetzen, um den Exodus junger Menschen zu stoppen. Einen eigenen Bürgermeister-Kandidaten schicken die politischen Newcomer allerdings nicht ins Rennen. Stattdessen unterstützen sie mit Nir Barkat den aussichtsreichsten säkularen Anwärter.

Der ehemalige Geschäftsmann Barkat, der als Unabhängiger antritt, hatte schon vor fünf Jahren nur hauchdünn gegen Lupolianski verloren und führt seitdem im Rathaus die Opposition an. Damals machte ihm die geringe Wahlbeteiligung einen Strich durch die Rechnung. Die soll laut Umfragen diesmal jedoch so hoch werden wie nie. Als Bürgermeister will Barkat, der sich in Israels High-Tech-Branche mit Anti-Virus-Software einen Namen gemacht hatte, bevor er in die Politik wechselte, Jerusalem vor allem wirtschaftlich voranbringen. Bei öffentlichen Auftritten gibt der 50-Jährige deshalb mit Vorliebe den ideologiefreien tatendurstigen Unternehmer. Hinter der aalglatten Business-Fassade lauert jedoch ein strammer Konservativer: Die Rückgabe Ost-Jerusalems an die Palästinenser lehnt Barkat strikt ab – obwohl er im Fall der Fälle vermutlich ohnehin nicht gefragt würde.

Imagekampagne für den Bilderbuch-Orthodoxen

Barkats größter Widersacher im Rennen ums Rathaus erscheint der Bevölkerung in diesen Tagen hauptsächlich als milde lächelnde Cartoon-Figur im Stil der anarchischen US-Fernsehserie Southpark. Der Kandidat hinter dem winkenden Männchen, das derzeit auf unzähligen Werbetafeln und Bussen prangt, heißt Meir Porusch, gehört der Partei Vereinigtes Torah-Judentum an und ist mit seinem mindestens 20 Zentimeter langen weißen Bart ein Ultraorthodoxer wie aus dem Bilderbuch. Dass allein die Gesichtsbehaarung schon abschreckend auf säkulare Wähler wirkt, weiß Porusch. Im Interview mit dem Online-Dienst „Y-Net“ bat der langjährige Knesset-Abgeordnete deshalb unlängst eindringlich, man möge ihn doch nicht an seinem Äußeren, sondern an seiner politischen Erfahrung messen. Ob ihm die Imagekampagne, die ihm sein Wahlkampfteam noch kurzfristig verordnet hat, letztlich aber den nötigen Stimmenvorteil einbringen wird, ist zweifelhaft.
Dass der 57-Jährige überhaupt antreten darf, verdankt er einem Deal, den er vor der letzten Wahl mit seinem Parteifreund Lupolianski verabredet hatte: 2003 unterstützte Porusch den späteren Bürgermeister, nun werden die Rollen getauscht. Richtig glücklich wirken die „Schwarzen“ mit ihrem neuen Spitzenkandidaten jedoch nicht, trauen sie doch dem moderater auftretenden Lupolianski insgeheim ein besseres Ergebnis zu. Der hatte schon beim letzten Mal viele weltliche Stimmen erhalten. Unabhängige Beobachter sehen in Lupolianski ohnehin nur das zahme Haustier der Ultraorthodoxen. Unter einem Bürgermeister Meir Porusch werde im Rathaus ein ganz anderer Wind wehen, prophezeien sie.

Die Stimmen seiner eigenen Klientel sind Porusch sicher, so viel steht fest. Jedoch stellen die Ultraorthodoxen gerade mal 20 Prozent der Wahlberechtigten – das reicht nicht für den Sieg. Nir Barkat muss hingegen fürchten, Wähler aus dem säkularen Lager an den dritten Kandidaten im Bunde zu verlieren, den zwielichtigen Milliardär Arcadi Gaydamak mit seiner Ein-Mann-Partei „Soziale Gerechtigkeit“.

Kandidat ohne Hebräisch-Kenntnisse

Gaydamak hat in Israel den Ruf eines Retters, der immer dann einschreitet, wenn die Politik untätig bleibt. Während des Krieges gegen die Hisbollah 2006 etwa evakuierte er mit seinem privaten Vermögen Tausende Israelis aus dem Einzugsgebiet der Katjuscha-Raketen und brachte sie in Zeltstädten im Süden des Landes unter. Der russischstämmige Oligarch, der vier Pässe besitzt und nur gebrochen Hebräisch spricht (!), lebte lange Jahre in Frankreich und wird dort heute wegen illegaler Waffengeschäfte mit Angola per internationalem Haftbefehl gesucht. In Israel gehört Gaydamak der erfolgreiche Fußballclub Beitar Jerusalem. Kritiker werfen ihm vor, mit seinem Geld das ganze Land aufkaufen zu wollen. Im Wahlkampf versucht er insbesondere die jüdische Unterschicht sowie die Araber aus Ost-Jerusalem mit großen Versprechungen zu bezirzen. Letztere boykottieren jedoch traditionell die Stimmabgabe, um nicht de facto Israels Souveränität über das besetzte Gebiet anzuerkennen. Dabei stellen sie mit potenziell über 30 Prozent der Wahlberechtigten einen enormen Machtfaktor im politischen Gefüge der Hauptstadt dar. Längst könnte ein Araber Bürgermeister von Jerusalem sein.
Arcadi Gaydamak wird dies wohl auf absehbare Zeit auch nicht gelingen. Immerhin aber könnte er Nir Barkat so viele Stimmen kosten, dass der seinen Traum vom Amt zum zweiten Mal begraben müsste. Zünglein an der Wage werden letztlich wohl die 18 Prozent national-religiöser Wähler sein, die ideologisch zwischen den Ultraorthodoxen und den Säkularen stehen. Sie tragen zwar Kippa und gehen regelmäßig in die Synagoge, sind aber im Gegensatz zu den „Schwarzen“ nicht von ihren weltlichen Landsleuten isoliert.

Schachar Fischer von „Waking up in Jerusalem“ kann den 11. November kaum mehr abwarten, wenngleich er sich ein bisschen vor dem Ergebnis fürchtet. Schließlich geht es für ihn um viel: Gewinnen erneut die Religiösen, wird Schachar vielleicht einer der Nächsten sein, die die Stadt in Richtung Tel Aviv verlassen. Spätestens, wenn er nach Ende seines Studiums keinen Job finden sollte. „Jerusalem ist kompliziert“, seufzt der Nachwuchs-Politiker, „hier kämpft ständig jeder gegen jeden: Juden gegen Araber, Religiöse gegen Säkulare, Rechte gegen Linke. Da fällt es manchmal schwer, noch an eine gute Zukunft zu glauben.“ Und wenn schon in Jerusalem glauben nicht mehr hilft, wo denn dann?

Tags: Jerusalem

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