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Phantomschmerzen in der Vorhaut

7. Dezember, 2008 von Kai Schwind · 36 Leserbriefe

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Norwegen hat einen Fernsehskandal. Comedian Otto Jespersen betreibt angeblich „Hetze gegen Juden“ und macht den Holocaust lächerlich.

Immer wenn Otto die Brille absetzt wird es ernst. Oder lustig. Je nach Standpunkt. Ein fester Bestandteil der sonst eher harmlosen Comedy-Panel-Show „Torsdagsklubben“ (Der Donnerstag-Club) im Privatsender TV2 ist der Schlussmonolog von Otto Jespersen, in dem er sich Persönlichkeiten, Menschengruppen oder einfach Ereignisse vorknöpft, die ihn in der letzten Woche besonders aufgeregt haben. Dabei geht es des Öfteren ruppig zu und Tabuthemen werden bevorzugt. Egal ob sich Otto über Norwegens esoterisch leicht durchgeknallte Prinzessin Märtha Luise, stillende Mütter in Cafés oder nervige jugendliche Einwanderer in Stadtparks auslässt – die Grenzen von Satire werden regelmäßig ausgelotet.

Vor zwei Wochen echauffierte sich Otto mit gewohnt tiefer und blubbernder Stimme über die unnötige Aufmerksamkeit, die ein armes, verstorbenes Giraffenbaby im Tierpark von Kristiansand in den Medien bekommen habe. Er wolle die Gelegenheit nutzen, „den Milliarden von Flöhen und Filzläusen zu gedenken, die in deutschen Gaskammern ihr Leben verloren und nichts falsch gemacht hatten, außer sich auf Personen jüdischen Ursprungs niederzulassen“.   

Die Reaktion folgte prompt und Jespersen bekam eine Anzeige von Kurt Valner, einem Zuschauer, der in Auschwitz  mehrere Familienmitglieder verloren hatte und sich durch Jespersens Äußerungen aufs Tiefste verletzt fühlte. Der Skandal fand zunächst in den Tabloid-Blättern statt und obwohl TV2 es bedauerte, dass sich Valner verletzt fühlte, distanzierte sich die Sender-Sprecherin Marianne Røiseland nicht von Jespersen. „Ich finde es traurig, dass jemand Jespersens Satire als Hetze missversteht“, sagte sie der Dagsavisen.

Jespersen selbst schwieg, bis zur nächsten Sendung am letzten Donnerstag, in der er im gefürchteten Schlussmonolog dann zum Rundumschlag gegen „überempfindlichen Juden und Israelis“ ausholte und dabei so offensichtlich provozierende Äußerungen vom Stapel ließ, dass diesen jeden political correctnes-Verfechter an den Rand der Ohnmacht treiben mussten. Er fürchte die gleichen Konsequenzen wie 1973 in Lillehammer, als der marokkanische Kellner Ahmed Bouchiki versehentlich vom israelischen Geheimdienst Mossad erschossen wurde. „Ich habe nichts gegen Juden“, sagt Jespersen in die Kamera – die Brille war längst ab – „ich rege mich über alle Menschen auf, egal woher sie kommen oder welcher Religion sie angehören“. Die meisten Norweger hätten nichts gegen Juden, aber gegen die menschenverachtende Behandlung, die der Staat Israel den Palästinenser zuteil kommen ließe. Kein Wunder also, dass Israelis „Phantomschmerzen in der Vorhaut“ bekämen, wenn sich „palästinensische Untermenschen“ gegen Zwangsräumungen und Umsiedlung zu Wehr setzen. 

Wer die Karriere von Jespersen in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass es hier längst um etwas anderes ging. Der Comedian arbeitet sich am metaphysischen Überbau von Satire ab und lotet erneut seine persönlichen Grenzen aus, was die norwegische Öffentlichkeit auszuhalten in der Lage ist. Jespersen meint es sehr ernst mit dem Spaß – 2003 hagelte es Anzeigen und Morddrohungen, als er aus Protest gegen den beginnenden Irakkrieg in seiner Sendung eine amerikanische Fahne anzündete.

Langsam regt sich Unmut in der sonst erstaunlich liberalen norwegischen Medienlandschaft. Der ehemalige Politiker und TV2 Senderchef  Kåre Willoch meint sogar, „Otto treibt ein gefährliches Spiel“. Die Blogs sind am Glühen und die Klatschblätter versuchen, die beschauliche Vorweihnachnatszeit  mit einem Skandal aufzuheizen. Eigentlich schade, dass Otto bis nächstes Jahr die Brille nicht mehr absetzen wird – letzten Donnerstag lief die letzte Folge „Torsdagsklubben“ für dieses Jahr.

Frohe Weihnachten!  

(Foto copyright: TV2/Presse)

Tags: Oslo

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