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Von der Stille der Pariser Rush Hour

1. März, 2009 von Nadine Beisler · 35 Leserbriefe

Tapis rollant Châtelet

L’heure de pointe heißt es auf Französisch, wenn sich morgens und abends Millionen von Menschen von zu Hause zur Arbeit bewegen – und umgekehrt.

Allein in Châtelet – Les Halles, dem größten Untergrundbahnhof der Welt, schwirren an einem normalen Wochentag morgens eine dreiviertel Million Menschen durch die unterirdischen Gänge. Hier treffen mehrere Métrolinien und der RER (Regionalbahn) aufeinander. Der Kenner des Terrains versucht zu vermeiden, an diesem Bahnhof morgens umsteigen zu müssen. Doch es gelingt nicht immer.

Wenn man jedoch von der Linie 7 am südlichen Ende von Châtelet zum RER A am nördlichen Ende gelangen muss, bereitet man sich innerlich schon auf einen langen, gehetzten und dicht gedrängten Weg vor. Zwei lange Rollbänder, drei Treppen und hunderte Menschen gilt es zu passieren. Entweder ergibt man sich mit einem ausdruckslosen Gesicht dem Fluss der Menschenmassen oder aber man versucht mit einem Gesicht wie eine Faust, seinen eigenen Rhythmus zu verfolgen.

Châtelet Information Schild

Letzten Mittwoch reihte ich mich also in die Menschenmassen ein und bei der Ankunft am ersten Rollband – mit dem Gesicht wie eine Faust wohlgemerkt – entspannte ich mich ein bisschen. Diese Rush Hour gestaltete sich entspannter als der Nachmittagsverkehr.  So konnte ich meinen Gedanken nachhängen. Als ich dann das zweite Rollband betrat, blieb die Zeit plötzlich stehen, denn irgendetwas stimmte nicht mit der Situation. Es war unheimlich laut und gleichzeitig ohrenbetäubend still.

Erstaunt stellte ich fest, dass die einzigen Geräusche – trotz der Hundertschaften an Menschen – ihre Schritte und das mechanische Rauschen der Rollbänder waren. Keine Unterhaltung, kein Lachen, kein lautes Telefonieren war zu vernehmen. Alle Menschen schienen in festgelegten Bahnen zu fließen und dabei synchron dem gleichen Rhythmus zu folgen. Ein Ballett in der Stille der l’heure de pointe. Welch ein einzigartiges, faszinierendes und nahezu lautloses Schauspiel.

Tags: Paris

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