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“Das sonnige Ende der Welt” …

8. Juni, 2009 von Laura Kroth · Keine Leserbriefe

… befindet sich laut meines Reiseführers im Glarnerland. Glarus ist der kleinste Kanton der Innerschweiz, eignet sich wunderbar für Wanderungen und ist von Zürich aus ein ideales Ziel für einen Tagesausflug. Und da das Wandern zur Schweiz gehört wie Fondue, Schoggi und Wilhelm Tell, schloss ich mich an einem sehr frühen Sonntag morgen ein paar erfahrenen Bergsteigern an. Schon am Vorabend hatte ich mir telefonisch eine erste Rüge eingeholt: “Du wohnst in der Schweiz und besitzt keine Wanderschuhe?” plärrt es am anderen Ende ungläubig. Egal, ich komme trotzdem mit.

Unser Fahrer kennt sich aus und berichtet, das Glarnerland sei trotz seiner zentralen Lage, der schönen Seen und imposanten Berge im Unterschied zu den meisten anderen Teilen der Schweiz touristisch wenig erschlossen. Nicht mal der amtierende Mister Schweiz, dessen
Elternhaus wir auf der Hinfahrt passieren, vermag dies zu ändern.

glarnerland-karte.jpg

Die Turnschuhe stellen sich schon bald als äußerst ungeeignetes Schuhwerk heraus. Denn an einigen Stellen liegt noch Schnee, den es zu
überqueren gilt, wollen wir unsere Route nicht verlassen. Darauf waren weder ich noch der Tourenleiter eingestellt, und so trottet unsere
kleine Truppe im Gänsemarsch hintereinander her. Meine Vorderfrau hackt mit ihren Wanderstiefeln trittfeste Kerben in den Schnee, mein
Hintermann hält mich an meinem Rucksack fest, um mich bei einem eventuellen Ausrutschen vor dem Absturz zu bewahren.

Während die Badeanstalten am Zürisee und an der Limmat schon vor etwa drei Wochen ihre Saisoneröffnung feierten, herrscht hier oben noch
tiefster Winter. Auf dem See, in dem ich vorhatte zu baden, schwimmt noch Eis. Dafür scheinen die Tiere aus ihrem Winterschlaf erwacht zu sein: Ab und an hört man in der Ferne Kuhglocken läuten, durch ein Fernglas beobachten wir Murmeltiere und Singvögel, die eine unserer Wandersgesellen sogar an Stimme und Gesang erkennt. Ich bin definitiv der Städter unter uns Wanderern, obwohl die drei anderen aus bundesdeutschen Großstädten kommen und ich ursprünglich aus einer ländlichen Region. Aber auch ein Landei findet mal ein Korn, genauer gesagt, einen Molch. Zwar habe ich ihn nicht als solches identifiziert (”Guckt mal, eine schwarze Baby-Eidechse!”), aber putzig ist so ein Bergmolch dennoch, wir nehmen ihn auf die Hand, bewundern seinen orange leuchtenden Bauch und lassen ihn wieder in Richtung Bergsee verschwinden.

Später passiert es dann doch, die zu überquerende Schneedecke liegt an ein weniger steilen Hang, so dass ich mich wage, sie ungesichtert zu
überqueren. und plumps mache ich einen Satz nach unten und stecke mit dem linken Bein bis zur Hüfte im Schnee. Aber weder eine Gletschespalte tut sich unter mir auf, noch vergraben sich meine Wandersgenossen unter einer von mir ausgelösten Lawine: Glück gehabt.

Blick ins Glarnerland

Auch das Wetter hält, es bleibt trocken, am Gipfel versperrt uns allerdings dichter Nebel die Sicht auf ein dem Bergführer nach wohl eindrucksvolles Panorama. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Unsere Strapazen des ca. 2 1/2 stündigen Aufstiegs werden wir dann aber doch
noch belohnt. An einem steilen Hang an der gegenüberliegenden Felswand entdecken wir eine Gämse. Offenbar hatte sie einen Stein ausgelöst,
dessen Aufprall ein Geräusch verursacht hatte, das uns auf sie aufmerksam machte. Ihr folgen weitere Gämsen, eine nach der anderen
hüpfen sie gut erkennbar durch unser Objektiv.

gamsen.jpg

Später im Tal haben wir Lust auf Apfelstrudel und heisse Schokolade. Doch wir werden enttäuscht bzw. in unseren Vorurteil gegenüber der glarner Gastfreundschaft bestätigt. Die Beizlis auf unserem Weg sind geschlossen, es ist ja schließlich auch Pfingstsonntag. Das einzige geöffnete Café am Ort serviert uns lauwarme Ovomaltine mit Sprühsahne. Ob wir sonst noch einen Wunsch hätten, raunt uns die Wirtin entgegen. “Einen Apfelstrudel?”, antworte ich etwas verschüchtert. “Da müssen Sie nach Österreich fahren.” lautet ihre Antwort. Trotzdem schön hier, am sonnigen Ende der Welt.

Tags: Zürich

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