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Wenn der Gashund zweimal bellt…

11. August, 2009 von Benjamin Loy · 24 Leserbriefe

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Auf der Südhalbkugel herrscht Winter - die Hochzeit für die Gasverkäufer in Santiago de Chile, wo in vielen Haushalten das Gas für Heizung, Herd und Dusche noch immer direkt aus der Flasche kommt. Das hat allerdings durchaus Vorteile und birgt nebenbei noch einige unterhaltsame Nebeneffekte…

Der Schriftsteller Ilja Ehrenburg meinte einmal im Rückblick auf einen Besuch bei Chiles Nationaldichter Pablo Neruda, noch nie habe er so gefroren wie im chilenischen Winter- eine harte Aussage, wenn man bedenkt, dass Ehrenburg in Moskau aufgewachsen war. Tatsächlich ist der Winter in Santiago nicht unbedingt die angenehmste Jahreszeit, was  gar nicht mal so sehr an den Außentemperaturen liegt, die sich an kalten Tagen immerhin zwischen 0 und 10 Grad bewegen. Frösteln lässt einen vielmehr die Tatsache, dass die wenigsten Häuser über eine Heizung, die meisten aber dafür über ziemliche dünne Wände und Fensterscheiben verfügen, was nicht selten dazu führt, dass es drinnen nur unwesentlich “wärmer” ist als vor der Türe.  Meist behilft man sich schlicht mit dicker Kleidung, im Notfall wird auch mal der Gasstrahler ausgepackt, an den man dann die Gasflasche aus dem Hof anschließt, die normalerweise Dusche und Herd mit der nötigen Wärme versorgt.

Dieses etwas altmodisch anmutende System wird vor allem in den gewöhnlichen Einfamilienhäusern praktiziert: Ist die Flasche leer, klingelt man schnell beim Gashändler um die Ecke durch, der ein paar Minuten später vor der Tür steht und frischen “Stoff” liefert. Auch wenn das bisweilen zur Folge hat, dass man plötzlich unter der kalten Dusche steht, wenn man die rechtzeitige Nachbestellung verpennt hat, besitzt das System gegenüber der Zentralversorgung, wie man sie in den überall aus dem Boden schießenden Appartmenthochhäusern findet, einen unschlagbaren Vorteil: Die heiße Dusche hängt nur von der eigenen Sorgsamkeit und nicht von der geopolitischen Wetterlage ab! Das klingt zunächst verrückt, hat aber einen recht simplen Hintergrund: Da Chile unter einem chronischen Rohstoffmangel leidet, was Gas, Öl und Kohle angeht, wird die Mehrzahl dieser Energielieferanten aus Argentinien importiert. Die transandinen Nachbarn wiederum beziehen einen Großteil ihres Gases aus Bolivien, mit dem sich Chile in regelmäßigen Abständen diplomatische Scharmützel liefert, da die Bolivianer nach wie vor mit dem Verlust ihres Meereszugangs hadern, den ihnen Chile im Pazifischen Krieg 1883 abgeknöpft hat. Heißt im Klartext: Wenn es auf politischer Ebene mal wieder kracht, drehen die Bolivianer durchaus mal am Gashahn - den Kollegen aus Kiew dürften diese energiepolitischen Nettigkeiten in ähnlicher Form ein Begriff sein.

So heiß das Thema Gas (das seit dem Amtsantritt von Evo Morales in Bolivien deutlich seltener zu Problemen führt) auch manchmal diskutiert wird- der gewöhnliche Verbraucher verbindet damit wohl eher einen skurrilen Werbehund, der seit einiger Zeit eine durchaus beachtliche Popularität in Chile genießt und mit seinen leicht bizarren Jingles und Spots bekannt geworden ist:

Tags: Santiago de Chile

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