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Verzweiflung, Scham und Schweigen

18. August, 2009 von Benjamin Loy · 31 Leserbriefe

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Jedes Jahr werden in Chile rund 42 000 minderjährige Mädchen schwanger – dreimal so viele wie in Deutschland. Die Folgen dieser Schwangerschaften sind teilweise erschreckend, ihre Ursachen nicht selten Ausdruck gesellschaftlicher Überzeugungen, die mit der Realität der Jugendlichen nichts mehr gemein haben.

Die Geschichte, die Alejandra González* kürzlich erzählt, beginnt eigentlich relativ harmlos: Ihre Schwester Macarena hat festgestellt, dass sie in der vierten Woche von ihrem langjährigen Freund schwanger ist, von dem sie sich allerdings in der Zwischenzeit getrennt hatte. Macarena ist 20 Jahre alt, fällt also streng genommen gar mehr nicht in die Kategorie der minderjährigen Schwangeren und doch verrät ihre Geschichte viel über das Thema Schwangerschaft bei jungen Müttern und seine Folgen in Chile. Ein Thema, bei dem zwangsläufig das Handeln aller Beteiligten mit einer gewissen Relativität zu sehen ist.

Zunächst einmal ist Macarenas Geschichte nichts Ungewöhnliches: Die Zahlen zeigen, dass Mütter in Chile im Schnitt deutlich jünger sind als in Deutschland, auch Macarenas Schwester Gloria bekam ihr erstes Kind mit 20. Doch trotz deren positiver Erfahrungen damit steht für Macarena, so erzählt es zumindest Alejandra, von Beginn an fest: Sie will dieses Kind nicht. Und spätestens hier beginnt das Drama, mit dem sich jedes Jahr tausende junger Frauen in Chile konfrontiert sehen: Die Option des Nichtwollens ist im chilenischen Rechtssystem nicht vorgesehen, eine Abtreibung gesetzlich verboten. Macarena wählt einen Ausweg, der den Zuhörer von Alejandras Geschichte blass werden lässt: Über das Internet hat sie sich ein illegal vertriebenes Medikament mit dem Wirkstoff Misoprostol besorgt, dessen Einnahme einen Abgang des Embryos provoziert. Die Beschaffung ist simpel, wer bei Google den Begriff „pastilla abortiva“ eingibt, findet zahlreiche Seiten zu diesem Thema und dubiose Stellen, die das Medikament vertreiben.

Horrorgeschichten von Kleiderbügeln und ähnlichen “Werkzeugen”

Geraten zu diesem Schritt hat Macarena allerdings eine Hebamme (!) in einer öffentlichen Gesundheitsstelle, die ihr, genau wie ein anwesender Gynäkologe, die Konsequenzen der Pille schildert: Einen Tag nach der Einnahme würden starke Blutungen beginnen, woraufhin sie sich ins Krankenhaus begeben solle, wo dann die Fehlgeburt festgestellt würde und sie, je nach Stärke der Blutungen, ein bis zwei Tage würde verbringen müssen. Dass international immer wieder Fälle bekannt werden, bei denen Frauen nach Einnahme dieser rund 50 Euro teuren Pille sterben, dass die Konsequenzen für eventuell folgende Schwangerschaften unerforscht sind, das sagt die Hebamme nicht. Dass sie es nicht tut, und hier beginnt die Relativität, mit der man das Handeln der Personen in diesen Fällen betrachten muss, hat dabei wohl weniger mit Skrupellosigkeit zu tun, als vielmehr mit dem Wissen, was junge schwangere Frauen mit geringen finanziellen Möglichkeiten im Zustand der Verzweiflung zu tun bereit sind. Horrorgeschichten von Schwangeren, die sich mit Kleiderbügeln und anderen „Werkzeugen“ von ihrer ungewollten Last zu befreien suchen, Frauen, die absichtlich Vollbremsungen mit ihrem Auto verursachen oder sich selbst auf den Bauch prügeln, um einen Abort zu provozieren- all diese Geschichten hat man in Chile schon gehört und vielleicht denkt die Hebamme auch daran, wenn sie dieses Medikament als Alternative empfielt, wie es übrigens auch das International Consortium For Medical Abortion tut.

Gleichwohl stellt sich die Frage, was eine junge Frau wie Macarena, die aus einer durchaus „normalen“ Familie der unteren chilenischen Mittelschicht kommt, mit solch einer Vehemenz dazu treibt, diese Schwangerschaft unter allen Umständen abbrechen zu wollen. Alejandra erzählt von ihren verzweifelten Überzeugungsversuchen, auf die Macarena immer mit dem Argument geantwortet habe, sie wolle studieren und das sei mit einem Kind vollkommen unmöglich. Tatsächlich muss man sich vor Augen führen, dass die Geburt eines Kindes für junge Mütter in Chile durchaus einer Katastrophe gleich kommen kann, da Unterstützung im schlimmsten Fall von keiner Seite zu erwarten ist. Staatliche Hilfen für Mütter gibt es kaum, Kindergeld oder ähnliche Hilfsleistungen existieren nicht. Ein Studium, für das sich Macarena ohnehin extrem hoch verschulden muss,  ist mit Kind undenkbar. Ihre Eltern leben außerhalb Santiagos in einer kleinen Stadt, sind getrennt, der Vater ist ein erzkonservativer Evangelist, der Kontakt zur Mutter durchwachsen, beide wissen nichts von Macarenas Schwangerschaft. Tatsächlich, und das ist keine große Überraschung, hat eine Studie in einer Klinik von Concepción in Südchile mit minderjährigen Schwangeren gezeigt, dass eben eine Schwangerschaft in Chile fast gleichbedeutend mit dem Ende der Bildungslaufbahn ist, gehört man nicht zur vermögenden Oberschicht. Vielleicht sind es auch diese Gedanken, die eine junge Frau wie Macarena bei ihrer Entscheidung im Hinterkopf hat und der diese Realitäten gegenwärtiger sind als vielen anderen in der Gesellschaft, welche diese nicht sehen oder nicht sehen wollen.

Schweigen daheim, Heuchelei in der Öffentlichkeit

Denn wer Macarenas Fall und die der anderen 42 000 chilenischen Mädchen jedes Jahr betrachtet, muss sich  zwangsläufig fragen, warum die  Zahl der Teenagerschwangerschaften in Chile dreimal so hoch wie in Deutschland ist und das in einem Land, das nur ein Fünftel von dessen Einwohnerzahl aufweist. Sicher kann man Chile, das in den letzten 20 Jahren nach dem Ende der Pinochet-Diktatur tiefgreifende gesellschaftliche Modernisierungen erfahren hat, nicht mehr pauschal als mental zurückgebliebenes, erzkonservatives Land bezeichnen. Dennoch findet man dieses verstaubte, von einem beinahe fundamentalistischen Katholizismus imprägnierte Denken noch immer in vielen Köpfen der Elterngeneration von gestern. Sexualität ist in vielen Familien zwischen Eltern und Kindern noch immer Tabuthema, was direkt auch die zentrale Frage dieses Schwangerschaftsdilemmas in Chile berührt: Verhütung. Wo Scham und Schweigen in Sachen Sex regieren, ist der gemeinsame Gang zum Frauenarzt zwecks Verschreibung der Pille häufig schwierig. In kleineren Städten oder auf dem Land, wo alle alles wissen, ist es gar undenkbar, dass ein minderjähriges Mädchen alleine einen Gynäkologen oder eine Hebamme aufsucht, die nicht selten sogar selbst der Meinung sind, dass die Pille in diesem Alter noch nicht notwendig sei bzw. diese gleich ganz  als „unnatürlich“ ablehnen.
Nicht viel anders sieht es für die Herren der Schöpfung aus: Kondome sind in Chile fast ausschließlich in Apotheken erhältlich. Dort aber liegen sie nicht frei zugänglich im Regal. Vielmehr hängen sie wie ein Damoklesschwert über dem Verkaufstresen, von wo aus sie der Verkäufer auf Nachfrage und unter den Blicken aller Umstehenden mühsam herausfingern muss. Es bedarf keiner übermäßigen Vorstellungskraft, um zu ermessen, wie peinlich diese Situation für einen ohnehin schon komplexbeladenen Teenager sein muss und dass das Ergebnis in vielen Fällen nur eines sein kann: Vermeidung. Auch wenn es für Macarenas Fall, in dem laut ihres Beteuerns konsequent verhütet wurde, nicht zutrifft- die Verhütungsfrage ist der zentrale Punkt des chilenischen Schwangerschaftsdilemmas.

Neben diesen ganz praktischen Hindernissen exisistieren in Chile des Weiteren zwei Institutionen, die zumindest in Teilen als mitschuldig an der Misere junger Schwangerer angesehen werden müssen: Kirche und Politik. Ein Beispiel für deren Wertvorstellungen und ihre gravierenden politischen Folgen war zuletzt die Diskussion um die sogenannten „Pille danach“, die in Chile eine Zeit lang weitgehend frei zugänglich waren, bis eine Allianz aus konservativen Klerikern und Vertretern der ultrarechten Pinochet-Nachfolgepartei UDI Verfassungsklage gegen dieses „lebenvernichtende“ Medikament einreichten, der das höchste Gericht Chiles auch prompt statt gab. Eine Entscheidung, die an der Realität des Landes vorbeigeht und die gerade Frauen aus den ärmeren Schichten, deren einziger Widerstand gegen eine Schwangerschaft Kleiderbügel oder fragwürdige Pillen sind, wie Hohn erscheinen muss. Denn gerade in der Oberschicht, in der ein nicht geringer Teil mit der UDI sympathisiert und wo das Geld zum Unterhalt solcher „ungewollter“ Kinder vorhanden wäre, ist es bei solchen „Unfällen“ gang und gäbe, bei einem befreundeten Gynäkologen gegen üppiges Honorar  ganz unkompliziert eine solche Abtreibung vornehmen zu lassen, damit der gut geplante und teuer erkaufte Lebenslauf der Kinder nicht ins stottern gerät.

Was Macarena betrifft, so geht es ihr heute nicht besser als vor Einnahme der Pille am vergangenen Freitag. Passiert ist nämlich im Gegensatz zur Vorhersage der Hebamme bisher nichts außer der Tatsache, dass Macarena jetzt mit der Angst lebt, am Ende gar ein behindertes Kind auf die Welt bringen zu müssen - falls sie in ihrer Verzweiflung nicht vorher zu schlimmeren Alternativen greift.

*Namen auf Wunsch der Beteiligten geändert

Tags: Santiago de Chile

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