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Feindliche Übernahme

9. Oktober, 2009 von Andreas Ehrmann · 33 Leserbriefe

Es war wie in einem Gangsterfilm: Zwei Auftragskiller stürmen in einen Möbelmarkt, zücken ihre Pistolen und eröffnen das Feuer auf den Inhaber des Shopping-Centers. Leibwächter stellen sich ihnen entgegen. Eine wilde Schießerei. Am Ende gibt es vier Tote. Der Drahtzieher soll ein berüchtigter Unterweltboss sein. Dieser wollte vermutlich das Geschäft an sich reißen. Solche “Raider-Attacken” sind in der Ukraine keine Seltenheit. kiew-video-web.jpg

Die ganze Ukraine redet über das Blutbad, das sich vergangene Woche in Kiew ereignete. Zwei Auftragskiller hatten den Besitzer eines Möbelhauses und zwei seiner Leibwächter erschossen. Auf der Flucht kaperten die Gangster zwei Autos. Einer der Killer verunglückte auf der Flucht, starb einen Tag später im Krankenhaus. Der andere konnte zwei Tage später geschnappt werden.

Überwachungskameras haben den Angriff aufgezeichnet.

Drahtzieher soll ein Moskauer Gangsterboss sein, der in der Unterwelt unter dem Namen „Merab“ bekannt ist, vermutet die Polizei. „Merab“ hatte es auf den Inhaber des Möbelhauses abgesehen, den armenischen Geschäftsmann Shabab Alyona. Der 49-jährige Armenier soll Schulden bei „Merab“ gehabt haben. Deshalb wollte der Moskauer Gangster dessen schickes Einkaufszentrum übernehmen. Weil der Geschäftsmann nicht einwilligte schickte „Merab“ das Killerkommando, glaubt die Polizei.

Gewaltsame „Firmenübernahmen“ waren in den neunziger Jahren keine Seltenheit und kommen auch heute noch in der Ukraine vor. Hinter den „feindlichen Übernahmen“ stecken so genannte „Raiders“. Sie besetzen Firmenzentralen, fälschen Inhaberdokumente oder ermorden Firmeneigentümer, um sich so ein bestimmtes Unternehmen einzuverleiben. Erst vor einigen Monaten hatte ein „Raider“ versucht, sich ein Kiewer Hotel unter den Nagel zu reißen. Das Hotelpersonal staunte nicht schlecht, als um 9.00 Uhr Morgens zwanzig kahlköpfige Schläger in Trainingsanzügen erschienen. Was die Gauner nicht wussten: Betreiber des Hotels ist das ukrainische Verteidigungsministerium.

Aber auch staatliche Stellen sind nicht gerade zimperlich, wenn es ums Geld geht. Im August tauchten rund einhundert Männer in Tarnanzügen vor dem privaten „Kaufhaus Ukraine“ auf. Die Truppe wollte ein riesiges Werbeplakat heruntereißen, welches an der Fassade des Kaufhauses angebracht war. Daraufhin gab es eine Prügelei mit den Sicherheitsleuten des Kaufhauses. Der Auftraggeber der Paramilitärs: Die Stadtverwaltung Kiew. Angeblich hatte der Kaufhausbetreiber Gebühren für das Anbringen von Werbung nicht bezahlt.

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Der ermordete Geschäftsmann Shabab hatte erst im August das Möbelhaus „4 Room“ an der Kiewer Ringautobahn eröffnet. Der Armenier war mit seiner Familie 1988 in die Ukraine gezogen, betätigte sich in den neunziger Jahren im Zigaretten- und Alkoholhandel, betrieb Bäckereien und eine Döner-Kette und wurde später „sehr reich“, sagte eine Bekannte der Familie.

Am vergangenen Sonntag fand die Trauerfeier für die beiden getöteten Leibwächter statt. Sie gehörten der Spezialeinheit “Titan”, einer Gruppe des Innenministeriums an, und wurden Shabab gegen Bezahlung zur Seite gestellt. Shababs Familie hat inzwischen ein Kopfgeld von 200.000 US-Dollar auf Gangsterboss “Merab” ausgesetzt.

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Tags: Kiew

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