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(L) Ost in Paris

29. November, 2009 von Nadine Beisler · 30 Leserbriefe

 In den letzten Wochen habe ich meine nationale Identität – unabhängig von der Diskussion der französischen Nationalidentität – einige Male reflektiert.

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Der 9. November wurde schon im Oktober mit vielen Dokumentationen über die DDR und den Mauerfall medial vorbereitet. Ich war froh endlich – nicht wie sonst – ständig mit Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg konfrontiert zu werden. Doch schnell zeigte sich, dass einige Dokumentationen falsche Informationen und Bilder der DDR verbreiteten.

Als Deutsche begegne ich oft dem Thema der beiden Weltkriege - im Rahmen von Filmen und Dokumentationen, aber auch im Zuge der Feiertage oder mittels kleiner Jungs gyanischer Herkunft, die in der Schule mit „Halt“-Rufen gepaart mit einer Art Hitlergruß vor mir salutieren. Der schwierige und vor allem undifferenzierte Umgang mit Geschichte vieler Franzosen wird hier offensichtlich.

Als „Ostdeutsche“ jedoch wird meine persönliche Nationalidentität, die sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzt (u.a. Kindheit in der DDR), auf Gröbste durch den französischen Umgang mit Geschichte beleidigt. Ich ernte normalerweise überraschte Gesichtsausdrücke oder mitleidige Blicke, wenn Menschen erfahren, dass ich in der ehemaligen DDR geboren wurde. Überraschung, weil damit eine Folge  des Mauerfalls (Zonenkind macht Auslandsstudium) für sie sichtbar und spürbar wird. Denn ich wäre niemals in Paris, wenn die Mauer nicht vor 20 Jahren gefallen wäre. Mitleid dafür, dass ich meine ersten Lebensjahre in einem totalitären Staat verbringen musste.

Zwei Erlebnisse haben mich besonders geprägt:

Vor einem Jahr fragte mich ein guter Freund, ob wir denn immer etwas zu essen gehabt hätten in der DDR. Aus dem Fernsehen von damals wisse er, dass die Menschen in der DDR im stetigen Mangel gelebt hätten. Ich war zunächst einmal sprachlos, klärte ihn aber auf, dass wir zwar nicht immer Alles, aber doch Manches gehabt haben. Vor allem Lebensmittel.

Außerdem lässt mich eine andere Begegnung bis heute nicht in Ruhe. Ich war in meinem ersten Jahr in Paris bei einer Lehrerkollegin zu einem Dîner eingeladen. Ich habe nicht nur ihre Kinder sondern auch ihre über 80jährige Großmutter kennen gelernt. Sie erzählte von ihrer Jugend und wie sie Nazioffiziere in ihrer Heimatstadt immerzu in die falsche Richtung geschickt hat, wenn diese nach dem Weg fragten. Das war ihre Art der Rebellion gegen die „Occupation“ (Besatzung). Ich bewunderte sie für ihr Handeln, dass sowohl von Mut als auch von Dummheit und jugendlicher Rebellion zeugte. Denn sie hatte nicht wenige junge Männer gesehen, die von eben jenen Besatzern sogar grundlos erschossen wurden. Doch als sie mit ihrer Enkelin erfuhr, dass ich im Osten Deutschlands geboren bin, sahen mich beide an, als sei ich ein seltenes Tier im Zoo. Ich weiß bis heute nicht, wie ich darauf reagieren soll.

Vielleicht war die weltweite Beschäftigung mit dem Mauerfall von 89 schon allein deshalb sinnvoll, weil in vielen Dokumentationen weltweit auch einige Wahrheiten über die DDR verbreitet wurden.

PS: Gleich nach den Feierlichkeiten zum Mauerfall schlossen sich übrigens das Feiern der Armistice, dem deutsch-französischen Waffenstillstand von 1918, an. Im Fernsehen liefen – was sonst? – diverse Kriegsdokumentationen.

Tags: Paris

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