weltläufig.de header image 1

Einkaufen im Bildungsmarkt

24. Dezember, 2009 von Benjamin Loy · 23 Leserbriefe

Während der Großteil der Santiaguiner bei Temperaturen um die 35 Grad dieser Tage dem Weihnachtsfest entgegenhechelt, hält das Jahresende für die chilenischen Schulabgänger noch ein Bonbon bereit, das nicht nur über die Stimmung unterm Plastikchristbaum, sondern auch über ihre persönliche Zukunft entscheidet: die Ergebnisse der PSU.

dsc01851.JPG

Diese sogenannte Prueba de selección universitaria ist eine landesweite zentrale Auswahlprüfung, deren Ergebnisse dieser Tage veröffentlicht wurden und die darüber entscheiden, wer was an welcher Universität in Chile studieren kann und darf.
Warum aber sollte das (selbst den kosmopolitischen) deutschen Leser interessieren? Ganz einfach: Wer einen Blick auf die PSU und die grundsätzliche Einrichtung des chilenischen Bildungssystems wirft, dem werden einige Parallelen zu den Entwicklungen in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht verborgen bleiben. Aber der Reihe nach:

1. Die Macht des Marktes:
Stolz wie die Spanier waren die Chilenen vor einigen Wochen, als man als 31. Land in die OECD aufgenommen wurde. Für viele war es der Beweis, dass Südamerikas wirtschaftlich am besten dastehendes und am weitesten entwickeltes Land endgültig im Konzert der “Großen” angekommen ist. Für das Bildungssystem kann das allerdings nicht gelten, denn dort herrscht weiterhin das größte Problem des Landes: extreme Ungleichheit. Die grundsätzliche Einrichtung dieses Bildungssystems ist noch immer ein Erbe der nun vor beinahe 20 Jahren untergegangenen Pinochet-Dikatur, welche dem Bildungssystem das gleiche Heilmittel verabreichte wie zuvor schon der Rentenversicherung, dem Gesundheitssystem oder einem Großteil der nationalen Gewässer: Privatisierung. Dies führte, grob gesagt, im chilenischen Schulwesen zu einer Dreigliederung, die heute den Kern allen Übels darstellt: Zum einen existieren da die sog. colegios particulares, d.h. Privatschulen, die ihre Klientel klar nach Marktprinzip auswählt: Willkommen ist, wer zahlen kann. Diese Privatschulen, zu denen auch beispielsweise die angesehenen Deutschen Schulen zählen, bieten so ziemlich alles, was das Elternherz begehrt, vom besten Lehrpersonal über Sportstadion, Schwimmbad und eigenes Ferienheim bis zur schuleigenen Hauskirche, wo der Nachwuchs andächtig für seine armen Landsleute betet, die irgendwo da draußen hinter dem hohen Schulzaun ihr Dasein fristen. Das alles hat natürlich seinen Preis: Wenn man bedenkt, dass pro Kind auf einer durchschnittlich guten Privatschule monatlich umgerechnet durchaus mal um die 300 Euro fällig werden, dann kann man sich in einem Land mit einem Mindestlohn um die 200 Euro vorstellen, wessen Kinder da in diesen Gefilden unterwegs sind.

Sozusagen die zweite Kategorie des Schulsystems bilden die sog. colegios particulares-subvencionados, d.h. meist Schulen kirchlicher Träger, welche sich anteilmäßig über Schulgeld und öffentliche Zuwendungen finanzieren. Beinahe jede chilenische Familie, deren Kinder nicht mit der Rolex am Handgelenk auf die Welt kommen, aber es mal zu etwas bringen sollen, versucht, ihre Kinder irgendwie auf einer dieser Schulen unterzubringen, auch wenn sie sich das Schulgeld von rund 100 Euro im Monat vom Munde absparen müssen. Dies wird vor allem dann verständlich, wenn man die Realität der dritten Kategorie, der sog. colegios subvencionados kennt: Dank General Pinochet hat sich der ansonsten so mächtige chilenische Zentralstaat bei der Bildung fein aus der Affäre gezogen, weshalb für die öffentlichen Schulen in Chile die jeweiligen Kommunen zuständig sind. Das funktioniert im Endeffekt nach dem Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Oder umgekehrt: Die ohnehin schon ärmsten Kommunen, wo der überwiegende Teil der Kinder auf kostenlose öffentliche Bildung angewiesen ist, haben pro Kopf gesehen die geringsten Investitionsmöglichkeiten für ihre Bürger, die sie am dringendsten bräuchten.

Die Gegensätze sind dementsprechend krass: Während die Privatschulen um den Nachwuchs des Geldadels mit playgroups, also Kleingruppen mit Englischunterricht, schon für Kleinkinder kämpfen, zwängen sich in den öffentlichen Schulen bis zu 60 Kinder pro Klasse in baufälligen Gebäuden unter Aufsicht überforderter und verständlicherweise frustrierter Lehrpersonen, für die natürlich ebenfalls der Matthäus-Effekt gilt: Wer als Lehrer noch alle Kugeln am Christbaum hat, sieht zu, auf einer gemütlichen, gut zahlenden Privatschule unterzukommen, um nicht am Ende in der Vorhölle irgendeiner öffentlichen Einrichtung den täglichen Kampf mit den verlorenen Seelen aus den Armenvierteln ausfechten zu müssen. Dass es die seit 20 Jahren regierende Mitte-Links-Koalition der Concertación nie geschafft hat, dieses System aufzubrechen, ist eines ihrer größten Versäumnisse. Dass sich jetzt allerdings die politische Rechte, die eine Verfassungs- und damit eine Bildungsreform über Jahre im Senat blockierte, damit brüstet, das Bildungssystem besser und gerechter machen zu wollen, darf getrost als schönes Beispiel politischen Zynismus’ gewertet werden.

2. Maultiere und Rennpferde:
All diese Unterschiede - und damit zurück zum Ausgangsthema- interessieren allerdings nicht mehr, wenn die große PSU ansteht. Die berücksichtigt nämlich nicht, wer wo zur Schule gegangen ist. Auf der Rennwiese würde das in etwa bedeuten: Der arabische Millionenhengst, der Zeit seines Lebens unter der warmen Sonne Dubais das beste Trainig und das gesündeste Futter erhalten hat, startet im gleichen Lauf wie das bolivianische Maultier, das seit Geburt an jeden Tag mit seinen krummen Beinen durch die Anden gestiegen ist und am Ende des Tages über ein trockenes Brot froh sein musste. Bei der PSU aber interessiert das alles nicht, am Ende zählt die Punktzahl, welche darüber entscheidet, wer was wo studiert - wenn er die Mittel dazu hat. Darüber hinaus kann man sich auch fragen, welche Folgen eigentlich dieses Messinstrument für Wissen, die PSU, wirklich hat: überwiegend aus Multiple Choice-Fragen bestehend, werden die chilenischen Schüler ab der Mittelstufe permanent auf eben dieses System getrimmt. Nur wirklich böse Zungen wie die meine würden behaupten, dass darin der Grund dafür liegt, dass viele chilenischen Studenten immer dann der Schweiß ausbricht, wenn sie plötzlich gefordert sind, Essays zu schreiben oder andere Aufgaben zu erfüllen, deren geistige Anforderung über das korrekte Setzen eines Kreuzes im richtigen Kästchen hinausgeht…

3. Einmal Hochschulstudium, bitte:
Sind die PSU-Ergebnisse dann da, geht der große Run auf die Universitäten los. Universität - darunter darf man sich in Chile nicht zwangsläufig das vorstellen, was man aus Europa gewohnt ist. Solange nämlich einige rechtliche Rahmenbedingungen erfüllt, kann hier so ziemlich jeder seine eigene aufmachen und diese dann auch so nennen. Dies führt dazu, dass allein hier in Santiago eine solche Vielzahl an “Universitäten” existiert, dass man an beinahe jeder Straßenecke eine finden kann, die in Größe und Schülerzahl in einer durchschnittlichen deutschen KiTa in Vorpommern entspricht. All dies ist natürlich auch ein Verdienst des Marktes: Jeder sucht sich das aus, was er möchte und er bezahlen kann. Die Jagd um die Studenten nimmt dabei gerade in der Zeit vor Weihnachten jedes Jahr krassere Formen an, wenn die Universitäten mit ihrer Werbung Metrostationen, Großwerbetafeln und Fernsehspots anfüllen, um ihre “Kunden” zu werben. Zwar gibt es staatliche Einrichtung wie die alte, prestigträchtige Universidad de Chile, aber hinsichtlich der Studiengebühren unterscheiden diese sich nicht von den zahlreichen Privaten: je nach Studiengang und Uni können sich die Gebühren hier zwischen 200 (Religion an einer mittelmäßigen Hochschule) und 800 Euro (Medizin an einer Bonzenhochschule) bewegen- im Monat wohlgemerkt. Ohne hier wieder den chilenischen Durchschnittslohn bemühen zu wollen, ist wohl jedem klar, dass derartige finanzielle Belastungen nur durch ein Mittel getragen werden können, mit dem sich der schöne Kreis der Marktwirtschaft dann wieder schließt: ein Bankkredit mit netten Zinsen, der sicher stellt, dass man nach auch nach Studienende für einige Zeit nicht ruhig schlafen wird.

Was hat das alles mit Deutschland zu tun? Natürlich soll man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, aber wenn man die Tendenzen der letzten Jahren betrachtet, ist die Richtung durchaus klar: das Bürgertum flüchtet mit jedem Jahr in größerer Zahl in die wie Pilze aus dem Boden schießenden Privatschulen, aus Angst, der Nachwuchs lande unweigerlich in der Gosse, wenn er nicht mit spätestens sieben Jahren die ersten Sätze Mandarin fehlerfrei artikulieren kann. Alle Kultusminister stürzen sich der Reihe nach wie die Lemminge ins G8-Getümmel aus lauter Angst, dass ein zusätzliches Schuljahr mittelfristig den sicheren Untergang der deutschen Wirtschaft wegen mangelnder “Wettbewerbsfähigkeit” bedeute (aus dem Mund manches Parteibücklings, der es durch Seilschaften auf den Ministerposten geschafft hat, klingt dieses Wort freilich so qualifiziert, wie eine Aussage des Papstes über Wege zu erfüllendem Sex). Und seit in den deutschen Universitäten die stark überteuerte Reforma bolognese ausgebrochen ist, wundert man sich ja eigentlich über gar nichts mehr…

Was hat das alles mit Entwicklungspolitik zu tun? Einiges. Zwar ist Chile sicherlich kein Entwicklungsland mehr und schickt sich an, in den nächsten fünf Jahren endgültig das Niveau Portugals und Italiens zu erreichen. Andererseits aber muss man sich als Chilene und auswärtiger Sympatisant des Landes einfach nur die Haare raufen, wenn man sieht, wie die politische und wirtschaftlich Elite über die Entwicklungspotentiale des Landes schwadroniert und sich dabei selbst in die Tasche lügt: Chile macht sein schönes BIP mit Kupfer, Früchten, Wein, Lachs und Holz, d.h. mit Rohstoffen, die es exportiert. Wer aber in der OECD wirklich zu den Großen gehören will, muss auf dem sekundären und tertiären Sektor angreifen - wofür man wiederum ein funktionierendes Bildungssystem als Voraussetzung benötigt. Dass bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl mit Sebastián Piñera der Kandidat der Rechten dicke 44 % einfuhr und damit klarer Favorit der Stichwahl im Januar ist, lässt allerdings Zweifel aufkommen, dass die Mehrheit hierzulande verstanden hat, um was es wirklich geht. Kleiner Trost: Als Milliadär mit eigenem Fernsehkanal und Teilhaber am größten Fußballklub des Landes, käme man mit Piñera an der Spitze des Landes Italien immerhin diesbezüglich auf einen Schlag ziemlich nahe…

Tags: Santiago de Chile

23 Leserbriefe bisher. ↓

Schreibe einen Leserbrief.