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Konservierte Aussichtslosigkeit

18. April, 2010 von Moritz Alexander Heiser · 25 Leserbriefe

Paris/Clichy-sous-Bois, Ende November 2009. Auf dem Boden der Parkfläche beschreibt der Ruß ein längliches Rechteck. Der Parkplatz liegt eingezwängt zwischen Wohnblöcken, deren gräulich-beige Fassade im matten Novemberlicht noch mehr erblasst. Wir befinden uns am Ortseingang von Clichy-sous-Bois. Hier, 15 Kilometer südlich von Paris, begannen im November 2005 die Unruhen, die Frankreich und Europa in ihren Bann zogen. Nur einen Steinwurf von den Blöcken entfernt, befindet sich das Rathaus der 30.000-Einwohner-Gemeinde. Die Mairie setzt mit ihrem französischen Landhausstil einen irritierenden Kontrapunkt zur rechteckigen Architektur der direkten Umgebung.Claude Dilain in der Mairie von Clichy-sous-Bois

Im zweiten Stock erwartet uns Claude Dilain. Der Sozialist ist seit 1995 Bürgermeister der wohl berüchtigtsten Pariser Vorstadt. „Wir sind eine sehr arme Gemeinde“, gibt Dilain zu. Der Ausländeranteil ist mit rund einem Drittel hoch, etliche Migranten mit französischem Pass kommen noch hinzu. Aber das Hauptproblem, meint der Bürgermeister, sei die Isoliertheit: „Wir sind hier nur 15 Kilometer von Paris entfernt, aber es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel nach Paris.“ Aktuell wird der Bau einer Straßenbahn nach Clichy in der französischen Nationalversammlung diskutiert. Ein Thema, das in Deutschland regional geregelt würde, beschäftigt in Frankreich die höchste Gesetzgebung. 2015 soll die Tram fahren. Der Bürgermeister befürchtet eine Verzögerung bis 2020.

Es wird noch immer ein Teil der französischen Bevölkerung vernachlässigt“, warnt Dilain, „es kann immer wieder zur Explosion kommen.“ In Clichy gibt es bei 20 Prozent Arbeitslosigkeit kein Arbeitsamt und keine Sozialkasse. Ebenso fehlt ein Polizeirevier. Der Bürgermeister vermutet dahinter den politischen Willen, die Armen an einem Ort zu bündeln und auszugrenzen.

Der vergitterte Eingang des Lycée Alfred Nobel

Doch in einigen Bereichen scheint sich nach 2005 etwas zu tun. Sonderzonen für Bildung, die sogenannten ZEP, begünstigen Schulen in Problemvierteln. Eine dieser Schulen ist das Lycée Alfred Nobel. Der Eingangsbereich des fantasielosen Betongebäudes der Oberschule ist vergittert. Seit fünf Jahren müssen Besucher eine Sicherheitsschleuse passieren. „Hier müssen die Jugendlichen ihren Schülerausweis vorzeigen, um eingelassen zu werden“, erläutert Lydie Deluri, die Vize-Rektorin des Lycées. Waffenkontrollen werden aber nicht durchgeführt.

Nur 60 Prozent der Jugendlichen in Clichy besuchen eine Oberschule. Die anderen sind meist ohne Perspektive. Einer der an seinem Abitur baut ist Abdel Bendahman. Der 17-Jährige besucht seit einem Jahr den werkschulischen Zweig des Lycée Alfred Nobel. Hier, in einer elektrotechnischen Spezialwerkstatt der Schule, werkelt er mit seinen Klassenkameraden an Modellen von Industrieanlagen: Vom Gabelstapler bis zur Solaranlage schrauben sie an allem herum. „Am besten liegt mir das Verkabeln“, bekennt Abdel. Eines Tages möchte er Elektroingenieur werden. Er glaubt nicht, dass sein Lebenslauf für seine beruflichen Ziele hinderlich sein könnte. Der Sohn algerischer Einwanderer klingt überzeugt: „Abitur ist Abitur!“ Statistiken widerlegen den Optimismus Abdels. Sie belegen, dass Jugendliche wie er im Berufsleben mit einer doppelten Benachteiligung zu kämpfen haben. Zum einen ist da das Auftauchen eines Problemviertels im Lebenslauf: Das reicht vielen Personalchefs schon, die Bewerbung abzulehnen. Und zum anderen ist da Abdels fremd klingender Familienname, der ebenfalls nachweislich zur Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt beiträgt.

Doch diese strukturellen Probleme wollen sie auf dem Lycée nicht wahrhaben. Vize-Rektorin Deluri verweist lieber auf die Kooperation mit dem Sciences-Po. Die elitäre Pariser Hochschule für Politikwissenschaften hat eine Quote für Jugendliche aus Problemvierteln eingerichtet. Dass das nur einer handvoll Jugendlichen eine Perspektive bietet, wird dabei geflissentlich übersehen.

Derweil ist wenige Kilometer Luftlinie entfernt der Staatspräsident Nicolas Sarkozy zu seinem jährlichen Besuch in den Banlieues. In Bobigny spricht Sarkozy davon, die Anzahl von Überwachungskameras im öffentlichen Raum bis 2012 zu verdreifachen. Für den Präsidenten stellt sich die Frage der vernachlässigten Banlieues als ein sicherheitspolitisches Problem.

Ein demoliertes Auto auf einem Parkplatz

Auf einer Stadtrundfahrt durch Clichy-sous-Bois kann man hingegen die Vielschichtigkeit des Problems erkennen. Seitlich der holprigen Straßen erstrecken sich die heruntergekommenen Wohnblöcke, vor deren Kulisse die brennenden Autos und vermummten Jugendlichen 2005 im Fernsehen so bedrohlich wirkten. Hier wohnen viele Arme in beengten Verhältnissen. Sozialwohnungen entstehen indessen viele in Clichy-sous-Bois. Mit ihrer geringen Geschossanzahl, wirken die neuen Gebäude wie Schuhschachteln im Vergleich zu den bedrohlichen Riesen die sie flankieren. Hier zeigt sich jedoch das Dilemma der Stadtentwicklungspolitik: Viele der Block-Bewohner sind ohne Alternative - sie haben keinen Pass und können keine Sozialwohnung beantragen. Wird ihr Block abgerissen und durch Sozialwohnungen ersetzt, sitzen sie auf der Straße. Dadurch werden sie dem nächsten dubiosen Immobilienhai in die Fänge getrieben. Aber Abhilfe ist nicht in Sicht: „Solange ich Präsident der Republik bin, werde ich keine globale Legalisierung der Menschen ohne Papiere akzeptieren“, verkündet Sarkozy in Bobigny. Problemlösung heißt hier nur Problemverlagerung.

Blick vom Ministerium über Paris

Am nächsten Nachmittag treffen wir Thierry Tesson. Der Stabsschef von Fadela Amara, der Staatssekretärin für Stadtentwicklungspolitik, empfängt uns im siebten Stock des Ministeriums. Vor dem Panorama des Eiffelturms spricht er über das Ziel seiner Behörde, die Kluft zwischen der Banlieue und dem Zentrum zu verringern. Auf das Problem der Schulabbrecher und Illegalen angesprochen, reagiert er ausweichend. Eigentlich gehe es doch nur ums Geld, meint Tesson: „Frankreich gibt viel Geld für Stadtentwicklungspolitik aus. Aber die Gemeinden setzen die Gelder nicht immer sinnvoll ein.“

Doch während Zentralstaat und Gemeinden sich gegenseitig des Aktionismus bezichtigen, bleibt der Kern des Problems unangetastet: Den bilden die Jugendlichen, die der Staat mit all seinen wohlgemeinten Projekten nicht erreicht - diejenigen ohne Schulabschluss und ohne Papiere.

Tags: Paris

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