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Der Regenwald brennt für Europas Klimaziele

27. Oktober, 2010 von Moritz Alexander Heiser · 47 Leserbriefe

So viele Waldbrände gab es auf Sumatra seit Jahren nicht mehr. Auf Satellitenbildern der zweitgrößten indonesischen Insel sind unzählige Feuer zu sehen. Wie viele es genau sind, kann man nicht feststellen, weil Wolken und dichter Rauch die Sicht verdecken. Einfache Bauern und Plantagenbesitzer brandroden Regenwälder und Torfgebiete, um sie für Plantagen urbar zu machen. Soweit ist das in Indonesien nichts Ungewöhnliches: der Archipelstaat hält den traurigen Weltrekord des rasantesten Urwaldvernichters der Erde. Schätzungen zufolge geht in Indonesien jeden Tag durchschnittlich eine vier Fußballfelder große Fläche Regenwald verloren.

Dass die Brände jetzt nicht nur Umweltorganisationen und die Menschen in den betroffenen Provinzen Indonesiens umtreiben, liegt vor allem am Wind. Seit über einer Woche bläst er in sehr moderater Geschwindigkeit aus Südwest-West und bläst den dichten Rauch über die Straße von Melakka auf die malayische Halbinsel und nach Singapur. Der Dunst ist so dicht, dass ein trüber Schleier über allem und jedem liegt. Die Sichtweite in Singapur sinkt bisweilen unter 50 Meter. „Früh morgens ist die Sicht schlechter als während des Tages. Ich konnte kaum 30 Meter weit sehen, verglichen mit den üblichen 100“, beklagt sich der Minibusfahrer Ramdass Nathan. Neben dem Verkehr leiden vor allem Menschen mit Atemwegserkrankungen, Kinder und Alte  unter den Bedingungen.

Thomas Banas arbeitet als Vertriebsmanager für eine Schifffrachtfirma in Singapur. Vor vier Jahren ist er wegen des Smogs aus Hongkong nach Singapur gezogen. Von seiner Wohnung im Luxusresort Marina Bay Sands hat er einen gigantischen Blick auf die Skyline des Central Business Districts – normalerweise. Der Familienvater gibt sich besorgt wegen des jährlich wiederkehrenden Dunsts: „Jedes Jahr werden wir daran erinnert, dass der Regenwald in Rauch aufgeht. Ich glaube nur, die Leute vergessen das, weil der Dunst wieder wegzieht.“ Aktuell ist die Sensibilität für das Thema in Singapur aber hoch. Der Luftverschmutzungsindex (PSI) erfährt auf der Website der National Environment Agency (NEA) eine stündliche Aktualisierung, auch per Twitter. Viele meiden seit Beginn der Luftverschlechterung den Aufenthalt im Freien. Der Gestank von feuchtem Verbrannten wabert in Singapur durch die Luft.

Dieser Geruch hat auch schon auf dem diplomatischen Parkett für Verstimmungen gesorgt. Während Singapur und Kuala Lumpur sich um die Gesundheit ihrer Bürger und die Einbußen der Tourismusindustrie sorgen, bleibt Jakarta angesichts der Feuer ganz gelassen. Ein Regierungssprecher gab in der indonesischen Hauptstadt zu Protokoll: „Das war nur eine Woche mit Rauch, aber die Leute machen schon so viel Aufhebens darum. Was ist denn mit all dem Sauerstoff den Indonesien ihnen während dem restlichen Jahr liefert?“ Außerdem seien ja auch Indonesier von dem Rauch betroffen. Singapur und Malaysia reagierten zurückhaltend auf die Provokationen ihres mächtigen Nachbarn. Ihr Hilfsangebot bei der Feuerbekämpfung schlug Umweltminister Gusti Muhammad Hatta trotzdem aus. Zwei indonesische Löschflugzeuge russischer Bauart, sollen der unzähligen Brandherde Herr werden.

Besonders in der malayischen Kleinstadt Muar sind die Auswirkungen der indonesischen Ignoranz zu spüren. Hier, etwa auf halber Strecke zwischen Singapur und Melakka, kletterte der PSI vergangene Woche bis auf rekordhafte 437. Das ist mehr als das vierfache der Untergrenze der „gefährlichen“ Luftbelastung. Die Schulen blieben vorübergehend geschlossen. Die Fischer konnten ihrer Arbeit nicht nachgehen. Wegen des dichten Dunsts wäre das Manövrieren in der Straße von Melakka für sie lebensgefährlich gewesen. Tan Yong Hwee, der stellvertretende Vorsitzende der Fischervereinigung, beklagte: „Die Quelle des Rauchs muss schnell bekämpft werden. Die Fischer haben ihre Einkommensgrundlage verloren.“

Die Plantagenbesitzer, die mutmaßlich für den Großteil der Brände auf Sumatra verantwortlich zeichnen, kümmern sich nicht um die Sorgen der Fischer in Malaysia oder die schlechte Luft für die Menschen auf Sumatra. Jedes Jahr aufs Neue ebnen sie riesige Flächen von Regenwald ein. Zwar ist dies auch in Indonesien illegal. Schätzungen der NGO „Life Mosaic“ zufolge reichen jedoch umgerechnet rund 3900 Euro Schmiergeld, um an eine 20.000 Hektar große Plantage zu kommen. Chefwaldbrandbekämpfer Noor Hidayat gestand gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters ein: „Wir haben unser bestes getan, die Feuer in den Gebieten einzudämmen. Aber die Strafverfolgung ist schwach.“ Das Ziel der skrupellosen Plantagenbetreiber, hinter denen oft Agrarkonzerne stehen, ist die Errichtung von Palmölplantagen. Traditionell wird das Öl in der Küche und für Kosmetika verwendet. Die treibende Kraft hinter den riesigen Monokulturen, die allein in Indonesien bis 2020 ein Drittel der Fläche Frankreichs bedecken sollen, ist der Hunger Europas nach sogenanntem „Biosprit“.

Die Biokraftstoffpolitik der EU hat zum Ziel, bis 2020 den fossilen Treibstoffen zehn Prozent Biosprit beizumischen. Das Palmöl Indonesiens - des weltgrößten Exporteurs von Palmöl - ist für diese flächenintensive Strategie unerlässlich. Und während Europa so seine CO2-Bilanz aufbessert, verpuffen in Indonesien die Urwälder. Auch deshalb fordern Wissenschaftler und Umweltorganisationen wie „Friends of the Earth“ schon lange die Abschaffung der entsprechenden EU-Richtlinie. Bisher sind sie damit in Brüssel und den europäischen Hauptstädten aber auf taube Ohren gestoßen.

Der Regen, der Samstag und Sonntag über Singapur und Malaysia fiel, brachte erste Luftverbesserungen. Die Sicht klarte spürbar auf, der PSI sank übers Wochenende schrittweise in den „guten“ Bereich. In den betroffenen Regionen der malayischen Halbinsel wurde immerhin die „mäßige“ Luftqualität erreicht. Auch in einer der indonesischen Provinzen fiel etwas Regen, in den anderen bleibt es weiter trocken und heiß. Afdhal Mahyuddin vom indonesischen Ableger der Umweltorganisation WWF findet das alarmierend: diese Witterung animiere die Farmer geradezu, Feuer zu legen. Das Forstwirtschaftsministerium in Jakarta hat am Freitag immerhin ein paar Zugeständnisse gemacht. Die angebotene Hilfe der Löschflugzeuge aus Malaysia und Singapur nahm es zwar weiterhin nicht an. Es schickte aber nach eigenen Angaben immerhin etwa 300 zusätzliche Feuerwehrmänner in die Waldbrandregionen.

Tags: Singapur

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