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Wie cool ist Sim-City?

28. Februar, 2011 von Moritz Alexander Heiser · 20 Leserbriefe

lee_kuan_yew_cohen.jpgKann eine Stadt cool sein? Und wenn ja, was für Eigenschaften muss sie dafür vorweisen? Muss sie eine hohe Techno-DJ-Dichte haben? Oder reicht es, wenn sich beliebige Künstler und Designer auf engstem Raum tummeln? Oder genügt es etwa schon, wenn S-Bahnen pünktlich fahren, die Shopping-Malls besonders glitzernd in der Gegend herumstehen und ein alternder Ex-Regierungschef Weisheiten von sich gibt? Vermutlich ist es letzteres - zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man einer aktuellen Umfrage der Straits Times Glauben schenkt.

Auslöser der Umfrage der größten Singapurer Tageszeitung war die Einordnung Singapurs auf dem zweiten Platz im CNN-Ranking der coolsten Nationen. Topplätze in internationalen Rankings ist man in der südostasiatischen Metropole gewöhnt. Meist handelt es sich dabei aber um wirtschaftliche Daten (Wettbewerbsfähigkeit, Pro-Kopf-BIP, Produktivität) oder Bildungsranglisten. In den Gebieten, die ein Europäer als cool bezeichnen würde, hinkt Singapur aber ganz schön hinterher. Zwar hat Singapur mittlerweile eine große und hochfrequentierte Nachtszene, einige Festivals und Freizeitparks im Angebot. Inhaltlich präsentieren diese jedoch fast ausschließlich einen durchschnittlichen Mainstream. Gute Musiker müssen von weit her eingeflogen werden, lokale Bands beschränken sich aufs Covern internationaler Popsongs. Und die Freizeitparks sind - genau wie der Alkohol in den Bars - ein teures Vergnügen. Streetart muss man in Singapur mit der Lupe suchen, auf Graffiti etwa stehen drakonische Strafen wie Gefängnis und Stockhiebe.

Mit Singapur ist es ein bisschen wie beim Computer-Spiel Sim-City - aus der Vogelperspektive kann man die Stadt so schön planen und anlegen: Straßen, Bahnlinien und Versorgungseinrichtungen entstehen nach Schema F; Wohnen, Dienstleistungen und Industrien lassen sich perfekt aufeinander abstimmen. Doch das, was ein urbanes Gefühl beim Bewohner entstehen lässt, lässt sich nur bedingt planen. Es ist das Spontane, das Persönliche, das Unregulierte, mithin das Unberechenbare, was einer Stadt Persönlichkeit und damit einen Wiedererkennungswert und unter Umständen auch eine Portion Coolness verleiht. Da verwundert es nicht, dass auf dem zweiten Rang der “coolsten Ikone” Ex-Langzeit-Premierminister Lee Kuan Yew landet - direkt hinter: “Mir fällt niemand ein” auf dem ersten Platz…

Immerhin, die mehrheitlich einem Staatsfonds gehörende Straits Times, deren Journalismus oft eher Hofberichtserstattung ähnelt, zitiert auch ein paar kritische Stimmen. Die 21-jährige Studentin Esther Soh gibt, inmitten all des Jubeltaumels um Singapurs international beurkundete Coolness, zu bedenken: “Für einen Einheimischen ist nach einer Weile, egal wo man ist, nichts mehr cool.”

Tags: Singapur

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